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World Wide WEG : ich@washington

13.08.2010 12:58 UhrVon Wlada Kolosowa
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Foto: privat

Zurückkommen ist schlimmer als Wegfahren. Findet zumindest unsere Kolumnistin und fühlt sich in Berlin plötzlich unverstanden

Von:

Wlada Kolosowa

An: werbinich@tagesspiegel.de

Betreff: Blick zurück nach vorn

Zurückzukommen ist schlimmer als Wegfahren. Heimweh hat ein eingebautes Verfallsdatum. Dicke Menschen, wässriges Bier, seltsame Paarungsriten – schlimm, aber schlimm für ein Jahr. In Deutschland musst du für den Rest deines Lebens bleiben.

Woche eins: Noch bist du Tourist im eigenen Land. Die Beine kennen noch die Wege, die Augen nicht mehr. Hier hast du also den Großteil deines Lebens verbracht. Interessant. Euros sind Monopolygeld.

Eltern die nettesten Menschen der Welt.

Woche zwei: Die Uhr auf dem Computer ist wieder auf deutsche Zeit gestellt. Du hast dich an Schwarzbrot satt gegessen. Freunde fragen: Und, wie war’s? Du verschluckst dich an der Fülle von Geschichten, willst jede einzelne mit dazugehörigen Bilddateien illustrieren. Du bist eingeschnappt, wenn jemand nach der zehnten vorschlägt, dass man die restlichen doch auch „einfach schnell durchklicken“ kann. Eltern nerven.

Woche drei: Du hast drei Kilo Post ausgeweidet. Zwei Kilo davon schickte dir Sparkasse und Vattenfall. Du hast die zwölf Ausgaben NEON nachgelesen, weil du vor einem Jahr vergessen hast, das Abo zu kündigen. Es hat sich nicht viel getan außer einigen Konstellationswechseln bei den Pärchen und einem neuen Wok in der WG. Deine Mitbewohner versichern dir, dass du besser bist als der beste Zwischenmieter. Die Zimmerpflanzen sind anderer Meinung.

Woche vier: Du hast kapiert, dass das hier kein Fronturlaub ist, sondern die Welt, nach deren Regeln du fortan spielen musst. Du hast „Wie war’s?“ über ein hundert Mal beantwortet und festgestellt, dass ein Jahr sich im Fastforwardmodus unmöglich zusammenfassen lässt. Ab und an rutscht dir immer noch ein „Thanks“ beim Bäcker aus. Deine Freunde finden’s affig. Du fühlst dich unverstanden. Du ziehst deine Jeans von der Wäscheleine, findest darin einen zerknautschten Dollarschein und hast komische Laune für den Rest des Tages.

Woche fünf: Das Leben fühlt sich an, als hätte jemand die Geschmacksverstärker rausgezogen. Das Essen auch. Die Erinnerung hat alles Schlechte weichgezeichnet, alles Gute bunt angemalt. Du sehnst dich zurück, du sehnst dich nach einem unbestimmten Ort. Aber du funktionierst. Beim hundertersten „Wie war's?“ sagst du: „Schön. Ja, wirklich schön ist es gewesen.“

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