Werbinich : Wortmeldung aus der hintersten Busreihe

Viktor Kewenig[16 Jahre]

Es ist ungefähr 21.30 Uhr, ich bin erschöpft vom Fußballtraining und möchte eigentlich nur noch duschen. Natürlich hat der Bus, den ich von ICC bis Zoo nehme, mindestens sieben Minuten Verspätung. Als er ankommt, ist er voll, der Busfahrer wider Erwarten unfreundlich. An diesem Punkt werde ich zum Misanthropen und gehe ganz nach hinten, um möglichst allein zu sein.

Das klappt aber leider nicht lange, denn am Kaiserdamm steigt eine Gruppe von ungefähr vier ausländischen, Picaldi tragenden Atzen ein. Traditionell setzen sich solche Gruppen immer nach ganz hinten, legen ihre Füße auf den gegenüberliegenden Sitz und hören Musik mit dem Handy.

Ich weiß also, was auf mich zukommt, dass sie sich ganz sicher neben mich setzen werden. Aber was tut man in einer solchen Situation? Weggehen? Dann sieht man aus wie ein Opfer. Dableiben also. Und dann, weggucken? Man steht doch wieder wie ein Schwächling da, dann wird man erst recht abgezogen. Hingucken also?

Ich möchte sie aber keineswegs dazu provozieren, mich anzupöbeln. Es ist also eine Zwickmühle, die ich oft versuche zu lösen, indem ich aus dem Fenster gucke, Musik höre, die Neuankömmlinge gar nicht bemerke.

Mein iPod ist aber an dem Tag leider nicht aufgeladen, und diese Exemplare scheinen ganz besonders auf Streit aus zu sein. „Junge guck doch nicht“, ruft mir der Erste zu, als mein Blick kurz über das Grüppchen schweift, um zu sehen, wie alt sie sind. Ich sage nichts. Ein anderer holt sein Handy raus und macht Bushido an, sehr zur Freude aller Fahrgäste. Dann steigt noch jemand zu, den sie anscheinend kennen. Man begrüßt sich mit Handschlag, dann Bruderkuss, dreimal. Jetzt reden sie ein bisschen Türkisch, ein bisschen Deutsch. Türkisch scheint beliebter zu sein, wer Türkisch spricht, ist keine deutsche Kartoffel.

In solchen Momenten denkt man schon mal über Integration nach und was sich diese Jugendlichen anmaßen, in Deutschland Deutschsein als unangemessen zu betrachten. Gerade solche Augenblicke sind die Ursache für den großen Anklang, den Herr Sarrazin in der Bevölkerung findet. Es ist die tägliche Konfrontation mit gescheiterter Integration und die daraus resultierende Angst.

Ich wünsche mir von der Politik , dass sie endlich versucht, die Ursachen zu beseitigen und nicht nur die Symptome. Es reicht nicht, einen jugendlichen Straftäter mit Migrationshintergrund wegzusperren. Wenn wir es früher versäumt haben, ist es jetzt umso notwendiger, solche Familien zum Lernen zu bewegen, Aufenthalte an Bedingungen zu knüpfen. Der Sozialstaat, in dem wir leben, ist gut und richtig. In Deutschland leben zu dürfen, ist meiner Meinung nach allerdings ein Privileg, das sich jeder erarbeiten muss.Viktor Kewenig, 16 Jahre

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