Werbinich : „Zahlen sind nicht nur zum Zählen da“ WieKinder Mathe besser trainieren können

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Warum quälen sich viele Schüler mit dem Mathematikunterricht?

Sie haben nicht gelernt, produktiv mit mathematischen Symbolen umzugehen. Stattdessen rufen sie Formeln und Rechenoperationen aus dem Gedächtnis ab, die oft nicht passen. Kinder sollten von Anfang an mathematische Symbole als Werkzeuge verstehen lernen, mit deren Hilfe man Probleme lösen kann.

Die meisten Kinder können gut zählen. Wo beginnen die Probleme?

Ein einfaches Verständnis von Zählen und Mengen ist beim Menschen genetisch verankert und wird fast immer ohne große Probleme erworben. Wie groß eine Menge ist, können schon Vorschulkinder durch Zählen herausfinden. Auch die Veränderung von Mengen im Zeitverlauf ist einfach zu verstehen. Die Aufgabe „Maria hatte 8 Murmeln. Dann gab sie Hans 3 Murmeln. Wie viele Murmeln hat Maria jetzt?“ können 90 Prozent der Erstklässler beantworten. Aber es fällt schwerer, die Beziehung zwischen Mengen in Zahlen auszudrücken. Die Aufgabe „Maria hat 8 Murmeln. Sie hat 3 Murmeln mehr als Hans. Wie viele Murmeln hat Hans?“ können nicht mal 20 Prozent derselben Kinder lösen. Durch solche Aufgaben erfahren Kinder früh, dass Zahlen nicht nur zum Zählen da sind.

Wie kann man das vermitteln?

Indem man mit schematischen und grafischen Bildern arbeitet, mit dem Zahlenstrahl kann man anfangen. Kinder können früh herausfinden, dass der Abstand zwischen 3 und 7 und zwischen 6 und 10 gleich ist. So bekommen sie ein Gefühl für Beziehungen zwischen Mengen. Einige Zeit später kann man Kreuztabellen einsetzen. Dann würden Schüler bei Aufgaben wie „Peter hat 5 Hosen und 3 T-Shirts. Wie viele verschiedene Outfits kann er daraus kombinieren?“ nicht wie so häufig die Zahlen einfach addieren.

Muss mehr Unterrichtsstoff in frühere Klassen verlagert werden?

In den ersten Grundschulklassen sollte keinesfalls mehr Wissen vermittelt werden, man muss intensiver am mathematischen Verständnis arbeiten. Zu häufig gibt der Lehrer den Rechenweg vor und die Schüler sollen ihn auf die immer gleiche Art anwenden. Im deutschen Unterricht wird sehr viel Zeit auf das Lernen des Einmaleins und auf das Einüben der schriftlichen Rechenverfahren verwendet. Das fördert nicht automatisch das Verständnis. Dies geschieht eher, wenn Kinder selbst Rechenwege für neue Aufgaben entwickeln dürfen. Auf dieser Grundlage kann man Wissen erwerben, das so flexibel ist, dass man es auf neue Aufgaben übertragen kann. Das haben andere Länder schon viel länger begriffen.

Was können wir vom Ausland lernen?

Lehrer sollten Schüler häufiger mit mathematischen Problemen konfrontieren, die echte Herausforderungen darstellen. Man sieht die Lösung nicht auf den ersten Blick, aber man kann sie aus dem vorhandenen Wissen konstruieren. Dann lernen die Kinder: Eine Formel taugt nur etwas, wenn man sie selbst herleiten kann.

Das Gespräch führte Claudia Keller.

ELSBETH STERN (46) ist Psychologin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Unter anderem hat sie herausgefunden, wie Kinder mathematisches Verständnis entwickeln.

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