Werbinich : Zensierte Meinung?

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Wer geglaubt hatte, dass zum neuen Schulfach Ethik inzwischen alles gesagt – und gefordert – worden sei, wird jetzt eines Besseren belehrt. Kurz bevor es das Abgeordnetenhaus passieren soll, überrascht der kleine Koalitionspartner Linkspartei.PDS mit einem neuen Einfall: Seine bildungspolitische Sprecherin Sieglinde Schaub stellt zur Debatte, ob das neue Fach nicht ohne Zensuren auskommen sollte. Andernfalls sieht sie die Gefahr, dass Schüler aus Angst vor schlechten Zensuren mit ihrer Meinung hinterm Berg halten könnten.

Wie Frau Schaub auf diese Idee kommt? Sie war zu DDR-Zeiten Lehrerin für Staatsbürgerkunde. Auch in diesem Fach ging es „um eine Kombination von Wissen und weltanschaulichen Haltungen“, erinnert sich Schaub. Dies habe bei manchen Schülern leider dazu geführt, dass sie ihre Meinung verschwiegen hätten, um sich ihre Zensur nicht zu vermasseln. Deshalb will Schaub den Schulen freistellen, statt mit Zensuren „mit ein oder zwei Sätzen“ das Engagement des Schülers auf dem Zeugnis zu bewerten.

Dieser Vorschlag Schaubs stößt nicht nur beim Koalitionspartner SPD auf taube Ohren, sondern auch bei vielen Lehrern. „Die Schüler nehmen das Fach ohne Zensuren nicht ernst“, ist die Erfahrung von Anita Mächler, die seit Jahren den Modellversuch Ethik/Philosophie unterrichtet und das Lessing-Gymnasium leitet. Das sei zwar bedauerlich, aber nun einmal eine Konsequenz der „Tradition und der Gewohnheiten“. CDU-Bildungspolitikerin Katrin Schultze-Berndt nannte Schaubs Vergleich mit dem verrufenen Fach Staatsbürgerkunde „grotesk“.

Da dürfte Frau Schultze-Berndt nicht ganz Unrecht haben: Wer in Staatsbürgerkunde eine Meinung von sich gab, die der politischen Linie zuwiderlief, riskierte wesentlich mehr als nur eine schlechte Zensur. Wobei man gleich ein gutes Thema für den Ethik-Unterricht hätte. Es könnte lauten: Diktatur und Opportunismus am Beispiel der DDR. sve

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