Werbinich : Zu früh, zu viel, zu gierig

Heinrich Sander[16 Jahre]
Heinrich klettert in den Kamin.
Heinrich klettert in den Kamin.

Schokoladenweihnachtsmänner. Ihr freundlich warmes Lächeln vermittelt mir die pure Vorfreude auf Weihnachten. Regal über Regal türmen sie sich in Supermärkten. Selbst ich, der sonst nie Süßigkeiten auch nur betrachtet, muss da einfach zugreifen. Jetzt fehlt nur noch Schnee, und der September ist perfekt. Moment … irgendwas muss da falsch laufen.

Mal überlegen: Da Weihnachten ja erst Ende Dezember ist, kann das doch nur Einbildung sein. Oder ein Traum, in dem Weihnachtsmänner lebendig werden und versuchen, stark nach Truthahn aussehende Verkäuferinnen zu verspeisen.

Doch es ist weder Traum noch Einbildung. Weihnachtsmänner im September gehören auf die Tages- oder viel mehr Weihnachtsordnung. Der wirtschaftliche Aspekt boxt den eigentlichen Grund des Weihnachtsfestes aus dem Ring. Die Gier der Großmärkte nach Gewinn überflügelt den Wunsch, der in mir schlummert, die Weihnachtszeit auf höchstens zwei Monate auszudehnen. Denn vier Monate Weihnachtsfeeling sind für mich einfach zu viel. Dann nervt mich dieses eigentlich schöne Fest richtig an. Und wenn der große Tag dann kommt, will man ihn nur so schnell wie möglich hinter sich bringen. Selbst der Papst spricht von einem Desaster. Das ach so heilige Weihnachtsfest ist auch für ihn zu einem „Fest der Geschäfte geworden, deren greller Glanz das Geheimnis der Demut Gottes verdeckt“. Das Fest der Nächstenliebe ist zu einem Fest der materiellen Bedürfnisdeckung verkommen. Ich bin mir fast sicher, dass Kinder in 20 Jahren vermuten, die Geburt Christi sei irgendein wahnsinnig langweiliges

Action-Spiel, in dem man als Baby Jesus anfängt und sich an die Spitze einer leicht sektiererisch aussehenden Kirche arbeiten muss. Die Guten unter uns quälen sich trotzdem Jahr für Jahr in die Gottesanstalt, um ihr Gewissen zu reinigen und im Einklang mit Gott ins neue Jahr zu starten. Von den meisten Shopaholics wird selbst dieser, meistens nicht mal einen Kilometer lange Gang verschmäht.

Ich flehe die Groß- und Supermärkte hiermit an, das Weihnachtsfest ein wenig zu entkommerzialisieren – und den Rest der Menschheit, vielleicht erst im November zum einen oder anderen Schokomann zu greifen.

Heinrich Sander, 16 Jahre

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