Werbinich : Zu wenig Aufschwung in der Turnhalle

Schulsport-Studie: Es fehlen junge Lehrer und viele Stunden fallen aus - besonders in den Hauptschulen

Claudia Keller

Schüler mögen ihn, Schulleiter schätzen ihn und Eltern halten ihn für wichtig: den Sportunterricht. Trotzdem wird er an vielen Schulen vernachlässigt – vor allem an den Hauptschulen. Somit sind ausgerechnet jene Kinder benachteiligt, die auch in ihrer Freizeit am wenigsten Sport treiben. Das hat die „Sprint“-Studie des Deutschen Sportbundes ergeben, eine Art Pisa-Untersuchung für den Sportunterricht, die gestern in Berlin vorgestellt wurde. Forscher verschiedener Universitäten haben dafür den Sportunterricht an 219 Grund- und Oberschulen in den sieben Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein untersucht. Die Sportwissenschaftler haben 8800 Schüler zwischen 10 und 15 Jahren, 4400 Eltern und über 1100 Sportlehrer und Schulleiter nach ihrer Zufriedenheit mit dem Unterricht befragt, Lehrpläne analysiert und die Ausstattung der Schulen in den Blick genommen.

Herausgekommen ist, dass in den meisten Bundesländern – wie auch in Berlin – zwar drei Stunden Sport in der Woche auf dem Stundenplan stehen, aber in der Regel nur etwas mehr als zwei Stunden stattfinden. Vor allem an den Hauptschulen fällt der Sportunterricht überdurchschnittlich oft aus. Und wenn er gegeben wird, dann oft von Lehrern, die dafür gar nicht ausgebildet sind.

Das ist auch in den Grundschulen ein Problem: Ausgerechnet dort, wo die Basis für eine lebenslange Sportbegeisterung gelegt werden soll, unterrichten Mathe- und Deutschlehrer Sport. In allen Schulen zeigt sich außerdem, dass es zu wenig junge Lehrer gibt. Der Sportlehrer ist im Schnitt 45 Jahre alt, seine Kollegin 43 Jahre. Die Kinder mögen die Lehrer trotzdem, auch im Kollegium werden sie geschätzt. Sportlehrer hätten keinen Grund für mangelndes Selbstbewusstsein, kommentieren die Sprint-Forscher. Positiv bewertet die Studie die Ausstattung der Sportstätten. Sie stelle „kein gravierendes Problem dar“. Die Grundversorgung sei gesichert.

Im Mai diesen Jahres ist in Berlin eine weitere Untersuchung des Schulsports, die die Schulverwaltung in Auftrag gegeben hatte, zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Allerdings sind hier die Lehrer im Schnitt noch drei Jahre älter, weil in den vergangenen zehn Jahren aus Geldmangel kaum junge Kollegen eingestellt wurden. „Ein Mathelehrer gewinnt mit dem Alter an Erfahrung, ein Sportlehrer körperlich nicht“, sagt Thomas Poller, der in der Schulverwaltung für den Sportunterricht zuständig ist. Möglicherweise könnten sich jüngere Lehrer auch besser auf neue Sportarten einstellen. Denn viele Schüler wünschen sich neben den klassischen Feldern Leichtathletik, Turnen und Ballspiele Trendiges in die Turnhalle: Skateboardfahren, Akrobatik oder Streetdance. Auch viele Lehrer sehen, dass Änderungen notwendig wären.

Die Lehrpläne lassen dazu genügend Spielraum, sagt Poller und wundert sich, warum die Lehrer dann nicht einfach mal Neues ausprobieren.

Die Mädchen in der elften Klasse der Marie-Curie-Oberschule haben es da ganz gut. Die 18-jährige Sabrina erzählt begeistert von lateinamerikanischem Tanz im Sportunterricht. Auch Schlittschuhlaufen und Inline-Skating wird angeboten, das Wilmersdorfer Eisstadion ist nicht weit weg. An diesem Vormittag üben die Elftklässlerinnen allerdings dribbeln fürs Handball-Spiel. Die einen mögen das gar nicht: „Das ist so aggressiv, immer muss man Punkte machen.“ Anderen gefällt es: „Da kann man sich austoben.“ Die Jungs spielen in der Halle obendrüber Volleyball. Man muss ihnen nur einen Ball in die Hand geben, schon legen sie los. Einige murren allerdings, „dass wir immer nur das Gleiche machen“. Der 17-jährige Janis würde gerne im Turnen mehr gefordert werden.

Viele Jugendliche wünschen sich laut Sprint-Studie, dass sie sich beim Sport mehr anstrengen müssen und mehr Neues lernen. In Berlin werden gerade neue Lehrpläne entwickelt. Nicht mehr die klassischen Sportarten sollen im Mittelpunkt stehen, sondern ein „breiteres Bewegungsverständnis“. Mehr als bisher sollen Toleranz und die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, trainiert werden. Und wie in anderen Fächern, setzt sich auch hier der Gedanke durch, dass der Einzelne mit seinen Vorlieben und Schwächen besser gefördert werden muss.

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