Werbinich : Zum Deutschkurs ins SOS-Kinderdorf

Seit Oktober gibt die Einrichtung in Moabit Kindern aus Migrantenfamilien erfolgreich Nachhilfe

Katja Gartz

Wenn die Schule vorbei ist, gehen einige Kinder der James-Krüss- und der Carl-Bolle-Grundschule in Moabit ins SOS-Kinderdorf um die Ecke. Dort essen sie zu Mittag und erledigen die Hausaufgaben. Die meisten gehen um 16 Uhr nach Hause. Für fünf Kinder ist der Tag dann immer noch nicht zu Ende. Es folgt eine Stunde Deutschkurs.

Julia Scheibner, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache, stellt der Gruppe ein zwölfjähriges Mädchen aus Polen vor, das zum ersten Mal am Sprachförderkurs teilnimmt. Die Kursleiterin bittet Pasa, ihr zu erklären, was sie jeden Mittwochnachmittag machen. „Wir wollen besser Deutsch lernen und besser sprechen, aber auch Spaß haben“, sagt er. Der 10-Jährige ist seit Kursbeginn im Oktober dabei. Dann fordert Julia Scheibner die Kinder auf, das Wort Haus auf ein Papier zu schreiben und danach andere Substantive mit gleichem Anfangsbuchstaben zu nennen. „Hase“, ruft Durmus. „Was reimt sich darauf?“, fragt Scheibner. „Nase“, „Vase“, rufen die Schüler. Die passenden Artikel folgen.

In Moabit stammen 80 Prozent der Kinder aus Familien, in denen zu Hause Türkisch oder Arabisch gesprochen wird. Bei Samira könne nur ihr Vater Deutsch. Wegen ihrer schlechten Deutschkenntnisse kann Samira in der Schule kaum dem Unterricht folgen.

Weil die Kinder den ganzen Tag am Tisch gesessen haben, bringt Scheibner Bewegung in den Raum. Die Schüler schieben die Stühle zur Seite, bilden mit Scheibner einen Kreis und nehmen sich an den Händen. Zu Beginn der Übung möchte die Lehrerin, dass alle die Augen schließen und den rechten Arm nach oben strecken. Durmus streckt den linken hoch, er hat rechts mit links verwechselt. Dann fragt sie, wie man das Adjektiv „hoch“ steigert. Die drei Jungen in der Gruppe wissen die richtige Antwort. „Und wie lautet das Gegenteil?“, möchte die Kursleiterin wissen. Wieder melden sich die Jungen. Weiter geht es mit dem Adjektiv „dünn“. Die Augen sind längst wieder geöffnet.

Später stellen sich die Schüler paarweise Rücken an Rücken und beschreiben sich gegenseitig. „Durmus hat kurze, schwarze, gerade Haare, ist kräftig und muskulös“, sagt Erem. „Haare sind glatt“, hilft ihm Julia Scheibner. Mit dem Ziel, deren Hemmschwelle zu verringern, bietet Scheibner dem polnischen Mädchen an, sie könne ihr die Antwort auch ins Ohr flüstern. Paulina überlegt einen Moment lang, nimmt ihren Mut zusammen und flüstert der Lehrerin die Antwort zu.

Um den Wortschatz der Kinder zu festigen und zu erweitern, wird zum Abschluss der Stunde noch eine Runde Memory gespielt. Doch bevor sich alle verabschieden und die Kinder aus dem Raum rennen, fragt Pasa die Lehrerin: „Haben Sie Schokolade?“ Bisher hatte Julia Scheibner immer für jeden ein Stückchen dabei. Pasa muss auch diesmal nicht darauf verzichten.

Der Sprachunterricht findet jeden Montag und Mittwoch nach der Hausaufgabenbetreuung statt. Zehn Schüler aus der dritten bis zur sechsten Klasse nehmen daran teil, zwei Plätze sind noch frei. Der Kurs ist Teil des Schulkinderprojekts des SOS-Kinderdorfes in Moabit, zu dem außerdem frisch gekochtes Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, verschiedene Arbeitsgruppen und Ferienangebote zählen. Die SOS-Mitarbeiter erfahren von den Lehrern der James-Krüss- und der Carl-Bolle-Grundschule, welche Kinder besonders gefördert werden müssen. Die Teilnahme an dem neuen Sprachkurs ist freiwillig, wer jedoch nicht regelmäßig kommt, verliert seinen Platz.

Die Schulen begrüßen die enge Kooperation mit dem SOS-Kinderdorf in ihrem Kiez. „Alles, was der Sprachförderung dient, ist sinnvoll“, sagt der Schulleiter der Carl-Bolle-Grundschule, der den Austausch der gut ausgebildeten SOS-Mitarbeiter mit den Lehrern schätzt.

Das im August gestartete Schulkinderprojekt hat eine Laufzeit von drei Jahren. Finanziert wird es durch Geld vom Quartiersmanagement der Stadtentwicklungsverwaltung und aus Spenden.

„Unsere gemeinsamen Übungen sind wie ein Training, schließlich müssen auch Fußballspieler viel trainieren, wenn sie gut sein wollen“, sagt Julia Scheibner zu den Kindern. Nach acht Wochen werden erste Erfolge sichtbar. Durmus war anfangs ganz still. Jetzt werde er immer aktiver und mutiger, sagt die Lehrerin. Bisher sind auch alle Schüler dabei geblieben und regelmäßig zum Kurs erschienen.

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