Werbinich : Zurück in die Klasse – fürs Freiwillige Soziale Jahr

Wie junge Erwachsene versuchen, das Klima in den Schulen zu verbessern

Katja Gartz

Während die meisten Schüler froh sind, wenn die Schulzeit endlich vorbei ist, freut sich Irene Freikemp, dass sie ein Jahr länger zur Schule gehen kann. Seit Beginn des Schuljahres macht die Abiturientin ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule in Pankow. „Ich möchte Erfahrungen im Schulbetrieb sammeln und dabei helfen, dass diese Institution besser funktioniert“, sagt die 19-Jährige, die Grundschullehrerin werden will.

Irene Freikemp ist eine von zwei Freiwilligen an der Gesamtschule und sowohl für Schüler wie Lehrer Ansprechpartnerin, wenn es Schwierigkeiten gibt. Gleichzeitig unterstützt sie die Schüler bei Projekten und Arbeitsgemeinschaften. Da Demokratie, Verantwortung und Mitbestimmung der Schüler großgeschrieben werden, steht sie auch der Gesamtschülervertretung bei Problemen und Planungen zur Seite. Beispielsweise, wenn ein Ruheraum oder ein Straßenfest gegen Rechtsextremismus organisiert werden sollen oder es um die Planung des Schulradios geht. Dabei berät sie den Sprecherrat, in dem alle Klassenstufen und Arbeitsgemeinschaften vertreten sind, die sich mit inner- und außerschulischen Angelegenheiten beschäftigen.

Ein Anliegen der 19-Jährigen ist, den Schülern soziales Verhalten beizubringen. Um sich Wissen dafür anzueignen, nimmt sie am Demokratie-Kurs teil. In dem von zwei Lehrern geleiteten Kurs setzen sich die Schüler selbstständig mit Projektmanagement und Methoden der Kommunikation auseinander, diskutieren darüber, wie Konflikte im Gespräch gelöst und Mobbing verhindert werden kann.

Die Freiwilligen bieten zusätzlich ein- bis zweistündige Seminare über soziales Verhalten, Gesprächsführung und zur Rolle der Klassensprecher an. Gemeinsam mit den Schülern organisieren sie Demokratietage und Aktionen gegen Antisemitismus. Außerdem begleiten sie Schüler auf Fahrten nach Auschwitz.

„Die Freiwilligen sind eine Bereicherung für die Schule, sie sind näher dran an den Jugendlichen und können einiges besser vermitteln als Lehrer“, sagt Lehrer Reinhard Großpietsch, der die Freiwilligen bei ihrer Arbeit unterstützt. Irene und ihre Kollegen setzen sich auch dafür ein, dass Absprachen zwischen Lehrern und Schülern besser funktionieren.

„Wir animieren ältere Schüler dazu, sich mit Lehrern auszutauschen, damit sie bei Unterrichtsausfall in unteren Klassen, Aufgaben verteilen können“, sagt Irene Freikemp. Ihre Erfahrungen bespricht sie regelmäßig mit sechs anderen Freiwilligen, die ebenfalls an Schulen in Pankow und Marzahn aktiv sind.

Dieses Schuljahr hilft ein Freiwilliger zum ersten Mal in der Kinder- und Jugendbeteiligungsstelle des Bezirksamts Pankow und betreut den Bezirksschüleraustausch. Angestellt sind die Freiwilligen für ein Jahr beim Verein Kinderring Berlin. Sie sind sozialversichert und erhalten 250 Euro Taschengeld im Monat.

Da für junge Männer seit 2002 ein freiwilliges soziales Jahr eine Alternative zum Zivildienst ist, wird ihre Stelle vom Bundesamt für Kriegsdienstverweigerer finanziert. Für die Stellen der Mädchen gibt es keine entsprechenden Geldquellen. Fördervereine der Schulen, Projektmittel und Zuschüsse des Bezirksamts finanzieren die Kosten von rund 5000 Euro. Für jeden Freiwilligen zahlen die Schulen monatlich 120 Euro.

Entstanden ist der Freiwillige Soziale Dienst an Schulen 2003 in einem Modellprojekt zur Schulentwicklung an der Kurt-Tucholsky-Schule, in dem Schüler ihre Schule mitgestalten und verändern konnten. Dass sich Kinder und Jugendliche stärker in ihrer Schule engagieren, ist auch heute noch die Hauptaufgabe der Freiwilligen. Die Nachfrage nach dem sozialen Dienst in der Schule verdoppelt sich von Jahr zu Jahr. Der Kinderring hat sich vorgenommen, das Angebot zu erweitern und auch in anderen Bezirken zu verankern.

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