Welt : Werbung im All: Völlig losgelöst

Thomas Müller

Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handele sich um einen der vielen gefühlsbetonten Werbespots im amerikanischen Fernsehen: Mit leiser Stimme wünscht die zwölfjährige Tochter ihrem Vater alles Gute und viel Erfolg im Beruf. Der Vater ist sichtlich erfreut und stellt den "sprechenden Bilderrahmen" der Firma Radio Shack ans Fenster. Einziger Unterschied: Der glückliche Vater ist schwerelos. Als die Kamera an das Fenster zoomt, wird im Hintergrund die blaue Erdkugel sichtbar. Die amerikanische Elektronikkette Radio Shack ist auf ihren Coup besonders stolz. Es ist nach Angaben von Firmensprecherin Kay Jackson der erste an Bord der Internationalen Raumstation ISS gedrehte Werbefilm im US-Fernsehen - weitere werden sicher folgen.

Die großen amerikanischen Konzerne haben das Weltall schon lange als neue Werbeplattform im Auge, um dem durch hunderttausende Spots abgestumpften Publikum neue Kaufreize zu vermitteln. Doch die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA - vom Gesetzgeber gebunden - weigerte sich standhaft, dem Drängen nachzugeben. Nun preschen die US-Konzerne durch eine Hintertür ins All: Sie nutzen, wie schon der Weltraumtourist Dennis Tito, die chronische Geldknappheit der Russen, die maßgeblich an der Raumstation beteiligt sind, um ihre Produkte im All zu positionieren.

Zu den Vorreitern der Kommerzialisierung des Alls gehört die Schnellrestaurantkette Pizza Hut, die bereits im vergangenen Jahr ihr Firmenlogo auf einer russischen Proton-Rakete platzierte. Mit derselben Sojuskapsel, die auch Tito ins All brachte, lieferte das Unternehmen den Astronauten vor wenigen Wochen die erste Pizza in ihr fernes Heim. Auch wenn die Bilder nicht als Werbespot gezeigt wurden, konnte sich Pizza Hut über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beschweren. In vielen Nachrichtensendungen waren die Bilder zu sehen, die zeigten, dass den Astronauten die Salami-Pizza sichtlich schmeckte.

Den NASA-Managern schmeckt das Werbegeschäft im All dagegen deutlich weniger. Zum einen sehen sie darin eine Unterbrechung der dringend nötigen Arbeiten an der noch immer unfertigen Station; zum anderen schmerzt es sie, dass die NASA und damit der amerikanische Steuerzahler einen Großteil der ISS-Milliardenkosten tragen, die Russen damit aber Geld machen.

Neben Radio Shack und Pizza Hut "schmuggelte" unter anderem der Spielzeugkonzern Lego seinen neuen Roboter "Red Planet Protector" sowie 300 außerirdische Wesen über den russischen Umweg in die ISS. Ferner mussten die Kosmonauten die Fachzeitschrift "Popular Mechanics" lesen und einen "Mondkuchen" vor laufenden Kameras genießen.

David Gump von der Firma LunaCorp, über die Radio Shack ihre Geschäfte mit Russland abwickelte, bedauert, dass die NASA-Astronauten nicht direkt in Werbespots auftreten dürfen. "Das ist das entscheidende Hindernis", sagte Gump. Zwar könne man mit der NASA im gewissen Rahmen Geschäfte machen, aber die Astronauten dürften in Spots nicht gezeigt werden. Dessen ungeachtet will er den amerikanischen Crew-Mitgliedern demnächst einen MP3-Musikspieler spendieren und daraus dann ein "Event" machen.

Wie lange die russischen Kosmonauten den Werberummel noch mitmachen, bleibt abzuwarten. Obwohl Radio Shack den Star seines etwas wackligen Werbefilms, ISS-Kommandant Juri Usaschew, für seine schauspielerischen Leistungen in dem Spot zum amerikanischen Vatertag am 17. Juni lobte, war er angeblich selbst wenig begeistert.

Sein Kollege Juri Baturin, der bei den Dreharbeiten hinter der Kamera schwebte, vertraute dem Onlinemagazin "Space.com" an, es sei den Russen äußerst peinlich gewesen, sich vor den Augen der ISS-Crew wie Clowns aufzuführen. Baturin sagte, er habe gehört, wie Dennis Tito zu den Amerikanern bemerkte: "Das sind so ernsthafte Leute, und nun werden sie gezwungen, so einen Unsinn zu machen."

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