Werkstadt im Umbruch : Wolfsburg kämpft um ein neues Image

In Wolfsburg wohnen? Jeder Dritte pendelt da schon lieber. Der Rest des Landes spottet über die Ödnis mit Gleisanschluss. Das ist natürlich ungerecht. Die Stadt hat sich ein Ziel gesetzt: Sie will ganz normal werden.

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Hin und her. Es gibt allein etwa 800 Berliner, die täglich mit dem Zug nach Wolfsburg pendeln. Das dauert normalerweise eine Stunde pro Strecke, seit dem Hochwasser aber zwei bis drei. Foto: Matthias Leizke/dpa
Hin und her. Es gibt allein etwa 800 Berliner, die täglich mit dem Zug nach Wolfsburg pendeln. Das dauert normalerweise eine...Foto: picture alliance / dpa

Lehnt eine Plakattafel an der Wand und wirbt für eine Ausstellung nebenan. Steht in weißer Schrift auf grünem Grund „Learning from Detroit“ drauf. Kann sich also nur um einen Witz handeln, denn wer sollte hier – und vor allem was – von Detroit lernen wollen, hier in Wolfsburg? Wie man Autos besser nicht baut? Wie man eine Stadt zugrunde richtet? Wie man Aufmerksamkeit dafür bekommt, dass man mal wer gewesen ist?

Sabah Enversen geht vorbei an dieser Plakattafel, er schaut nicht mal hin. Er lebt in Wolfsburg, er arbeitet hier, und zwar idealtypischerweise beim ortsansässigen Weltkonzern Volkswagen. Als Feierabendpolitiker widmet er sich Wolfsburger Stadtentwicklungsfragen. Er ist seiner Stadt seit Jugendtagen mit Tatkraft verbunden, er hat ihren Aufstieg begleitet und miterlebt, wie sie dennoch stets im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung geblieben ist. Enversen weiß: Die Welt macht sich kein Bild von dieser Stadt. Der Welt ist Wolfsburg egal. Wenn sie dennoch einmal herschaut, dann verlässlicherweise, wenn wieder einmal ein ICE durch den Bahnhof gerast ist, anstatt fahrplangemäß anzuhalten. Das passiert gelegentlich. Zeitungen schreiben darüber, Fernsehsender senden, wobei es dann nie nur um die Übermittlung der Durchfahrtsnachricht an sich geht. Es gilt auch, eine Gelegenheit zum Spotten zu nutzen. Nicht über die Bahn. Der Spott gilt dann Wolfsburg, als sei es goldrichtig, durchzufahren und jeder hier haltende Zug selbstverständlich ein Fehler.

Neulich, nach dem Elbehochwasser, ist ans Licht dieser Öffentlichkeit gekommen, dass die Züge wegen eines durchweichten Streckenabschnitts fortan deutlich länger als bisher von Berlin nach Wolfsburg und zurück unterwegs sein werden. Staunend nahm sie zur Kenntnis, dass dies auch Pendler träfe, Menschen also, die in Wolfsburg arbeiten und von denen mehr als 800 zum Beispiel in jenem 200 Kilometer entfernten Berlin wohnen. Wolfsburg reagierte schnell und stellt ihnen nun zum Übernachten eine Kaserne auf einem einstigen Truppenübungsplatz zur Verfügung.

Enversen, Jahrgang 1957, schwarzer Anzug, Schlips und Kragen, sagt: „Dass die anderen uns so sehen, wenn sie uns denn überhaupt sehen, die haben nicht ganz unrecht damit.“ Die Sicht auf Wolfsburg durch die Eisenbahnbrille jedenfalls verweise ja auf ein grundsätzliches Gegenwartsproblem der Stadt. „Wir müssen hier den Überfluss verwalten“, sagt Enversen. Wolfsburg hat enorm viele Arbeitsplätze. Morgens wollen sehr viele Menschen in die Stadt hinein, abends dann wieder heraus, sie stehen viel im Stau. Wenn dann noch die Bahn nicht funktioniert, wird es ernst auf den Straßen und kompliziert im Alltag der Pendler. Wer gleich ganz herziehen will, der findet nur schwer eine Wohnung. In Wolfsburg ist der Platz knapp.

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