Welt : Wertvoller als das eigene Wohlergehen

Wann ist ein Held ein Held? Wir Deutschen haben oft ein ironisches Verhältnis zu dieser konservativen und zugleich sozialen Idee

Harald Martenstein

Wer das deutsche Wort „Helden“ in die Internet-Suchmaschine Google eingibt, wird als erstes zu einer Popgruppe geleitet, zu „Wir sind Helden“. Wir Deutschen, wahrscheinlich das entheroisierteste Volk der Erde, haben zu Helden oft ein ironisches Verhältnis. Aber die große Zeit der Ironie ist vorbei (was nicht heißt, dass sie völlig verschwindet). Auch bei „Wir sind Helden“ ist die Interpretationslage nicht ganz eindeutig. „Wir sind Helden“ ist keine ironische Band, sondern eine nachdenkliche und kapitalismuskritische. Die Sängerin Judith Holofernes schreibt auf der Homepage, dass es ihr um unpoppige Gefühle geht, um Sachen wie Dankbarkeit, Freude oder Melancholie.

Die Frage ist nicht, ob es Helden gibt. Die Frage heißt: Was unterscheidet die wahren von den falschen Helden?

Ein Held ist derjenige, der seine Furcht bezwingt und sich traut. Heldentum bedeutet Opfer und Risiko. Die Inkaufnahme von Nachteilen zugunsten eines Zweckes, der es lohnt. Für jeden Helden, für jede Heldin, gibt es etwas, das sie für wertvoller halten als sich selber – wertvoller als das eigene Wohlergehen, das eigene Geld, sogar das eigene Leben.

Hinterher wird der Held – vielleicht – gefeiert. Am Anfang der Heldentat aber steht immer die Möglichkeit des völligen Scheiterns. Der Held ist also eine Gegenfigur zum Narziss, zum Karrieristen, zum Sowohl-als-auch. Die Idee des Heldentums handelt nicht von der Selbstüberhöhung des Individuums, sondern von seiner Demut. Es ist keine moderne, bürgerliche, liberale Idee, sondern eine konservative und zugleich soziale.

Der Kapitalismus und seine (zurzeit) neoliberale Ideologie behaupten, dass jeder nur seinen eigenen Vorteil verfolgen müsse, das Ergebnis sei das bestmögliche Leben für alle. Diese Ideologie hat keinen Platz für unterbezahlte Krankenschwestern und Armenärzte, keinen Platz für den Feuerwehrmann und den Rettungsschwimmer, keinen Platz für den Reichen, der einen großen Teil seines Geldes herschenkt. Die Wurzeln solcher Verhaltensweisen reichen hinter den Kapitalismus zurück. In solchen Taten – Heldentaten? – vermischen sich das Christliche, also die Nächstenliebe, das Konservative, also das Gefühl der Verantwortung des Einzelnen für das Ganze, und eben das Heroische, die Selbstüberwindung. Die Philosophie der Aufklärung hat die Götter vertrieben und an ihre Stelle das bürgerliche Ich gesetzt. Der Held und die Heldin aber beharren darauf, dass es einen höheren Wert geben muss als das Ich. Unser modernes deutsches Unbehagen gegenüber der Idee „Heldentum“ hat also nur zum Teil mit dem Dritten Reich, dem wilhelminischen Militarismus und all diesen Dingen zu tun. Ein anderer Teil von uns sperrt sich gegen die Idee „Held“, weil sie unseren bequemen, selbstzufriedenen Hedonismus bedroht.

Die Helden in den Sagen der Antike waren oft Halbgötter. Sie waren den Menschen schon damals ein wenig unheimlich. Sie gehörten nicht ganz dazu.

Der Held ist aber kein Heiliger und kein Halbgott. Der Rettungsschwimmer, der in einem bestimmten Moment hinausschwimmt, obwohl die Sache aussichtslos scheint und gefährlich für ihn ist, entscheidet im Bruchteil einer Sekunde. Er muss kein besonders guter oder vorbildlicher Mensch sein, vielleicht ist er sogar, außer in diesem einen, außergewöhnlichen Moment, ein besonders lasterhaftes und unangenehmes Exemplar seiner Gattung. Vielleicht genießt er, nach vollbrachter Tat, seinen Ruhm in vollen Zügen, verkauft seine Geschichte teuer an „Bild“, wird für seine Familie unerträglich, weil er sein Heldentum so sehr genießt. Er ist eben kein Heiliger, nur ein Held. Oskar Schindler, der im Zweiten Weltkrieg mehr als tausend Menschen gerettet hat, ging nach dem Krieg zu einigen der Geretteten und bat sie um Geld. Heldentum ist eine Tat und nicht für immer.

Deswegen ist der Held kein Übermensch. Das Heldenbild der Diktaturen dagegen gerinnt zu Statuen, die überall gleich aussehen, ob in Nordkorea, in Namibia oder in Hitlerdeutschland. Diese Helden müssen sich nicht überwinden, ihre Taten stehen ihnen ins heroische Gesicht geschrieben, sie sind immer überlebensgroß, frei von Angst oder Skrupeln. Ihr Heldentum ist falsch und billig, von den Zielen ihrer Auftraggeber ganz zu schweigen. Die Selbstüberwindung, der Sieg über die Furcht und das Ego, das Opfer, all dies ist eben kein Selbstzweck. Um bei den Weltmeisterschaften im Pfahlsitzen zu gewinnen, braucht es ganz sicher Leidensbereitschaft und die Fähigkeit zur Selbstüberwindung, um einen Fall von Heldentum handelt es sich trotzdem nicht. Auch zum Bungeejumpen braucht man Mut, aber diesen Mut bringt der Springer nur für sich selber auf, zum eigenen Vergnügen.

Die Nachtseite des Heldentums handelt aber auch von denen, die um den Helden weinen, den Hinterbliebenen der Feuerwehrmänner des 11. September zum Beispiel. Wenn der Held, im extremsten Fall, sein eigenes Leben opfert, zerstört er fast immer das Glück anderer. Nichts ist umsonst. Auch davon schweigen die Heldenbilder der Diktaturen. Der Heroismus ihrer Statuen ist nur eine Karikatur des Heldentums.

Warum ist hier eigentlich die ganze Zeit von den zivilen Helden die Rede? Der Held ist doch seit Jahrtausenden, seit der Antike, immer wieder ein Kriegsheld gewesen. Die meisten Staaten fordern Heldentum, zumindest die größeren, ganz gleich, ob sie demokratisch oder verbrecherisch sind. Beim Kriegshelden kommt es darauf an, das eigene Leben geringer zu schätzen als den staatlichen Befehl.

Der Kapitalismus hat den Individualismus als Staatsreligion, im Krieg aber soll das nicht gelten. Der Kriegsheld soll nicht nach dem Sinn oder seinem eigenen Vorteil fragen. Das hat schon in der Vergangenheit nicht funktioniert. Aus unzähligen Kriegstagebüchern und Kriegsreportagen wissen wir, dass Helden „gemacht“ wurden, oft mit dem Mittel der Lüge, um die Moral der Truppe zu stärken.

Heldentum kann in Wirklichkeit nicht befohlen werden. Wer opfert, muss das Opfer selber vollbringen. Wer einem anderen ein Opfer befiehlt, der macht ihn nicht zu einem Helden, sondern zu einem Werkzeug.

Heute funktioniert das Kriegsheldentum noch weniger. Menschen, die demokratisch sozialisiert wurden, fragen nach und können kein gutes Heldenmaterial sein. Und die Medien sagen häufiger die Wahrheit als früher. In neueren Dokumentarfilmen aus dem Irak sieht man häufig Interviews mit zweifelnden, zögernden Soldaten. Das Neinsagen ist für sie zumindest eine Option, und ob der gerade aktuelle Krieg auch wirklich gerecht ist, bleibt Ansichtssache. Dazu kommt bei den Gebildeteren das Bewusstsein, dass es manchmal gerade die Neinsager waren, die im Nachhinein bei der Mehrheit als Helden galten, in Deutschland zum Beispiel die Frauen und Männer aus dem Widerstand.

Der Held braucht, um Held zu sein, Werte, die nicht in Frage stehen oder die niemand in Frage zu stellen wagt. Das Leben ist solch ein Wert, Hilfe für Benachteiligte ist es, ein Ziel wie die deutsche Wiedervereinigung kann es sein – aber ist es auch der Staat und sein Krieg? Jeder Krieg, den eine Demokratie führt, ist umstritten, es geht gar nicht anders.

Deshalb ist der Kriegsheld in den Demokratien keine mehrheitsfähige Figur mehr. Moderne Kriege werden möglichst körperlos geführt, aus der Distanz, gerade von den USA, die offiziell immer noch die alte Heldenmetaphorik benutzt. Der Kriegsheld ist eine Gestalt der Dritten Welt und der Despotien geworden, am perfektesten verkörpert ihn der Selbstmordattentäter, der jeden Zweifel an seiner Mission in sich abgetötet hat.

Unsere Helden sind zivil. Was immer sie aufs Spiel setzen, ihren Ruf, ihren Reichtum oder sogar ihr Leben, sie tun es nicht bedenkenlos.

Wie würde in der westlichen Welt eine Abstimmung über den größten lebenden Helden ausgehen? Wer verkörpert am perfektesten das, was wir, die entheroisierten, skeptischen Enkel der Aufklärung, heute unter einem Helden verstehen? Wahrscheinlich ist es der Südafrikaner Nelson Mandela. Mandela, der das Unrecht der Rassentrennung bekämpft, sein halbes Leben im Gefängnis verbringt, anschließend nicht nur auf Rache verzichtet, sondern sogar auf seine einstigen Feinde zugeht – ja, bei Mandela haben wir alle Elemente des modernen Heldentums beisammen, die gute Sache, den Mut, das Opfer und das Zivile, Unaggressive.

Wir haben uns in Deutschland Mühe gegeben, für die Begriffe „Held“ und „Heldentum“ einen Ersatz zu finden. Dabei hat der Begriff „Zivilcourage“ Karriere gemacht, ein Wort, das in deutschen Ohren großartig klingt – erstens, weil „zivil“ darin vorkommt, das Gegenteil von militärisch, zweitens, weil auch der „Mut“ durch seine französische Übersetzung ersetzt wurde. Zur Zivilcourage gibt es allerdings kein Subjekt. Für einen Menschen mit viel Zivilcourage haben wir kein Wort. Vielleicht muss man doch das Wort „Held“ benutzen.

Oder brauchen wir das Wort gar nicht? Wenn es ohnehin nur Momente des Heldentums gibt … Nein, man kann nicht sein ganzes Leben lang ein Held sein. Auf Dauer wäre Heldentum zu anstrengend. Der Held, der immer Held sein möchte, wirkt lächerlich, und ist keiner mehr.

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