Wetter : Wie ist der Winter?

Seinetwegen ist die Nordhalbkugel verschneit. Und er hat noch Luft, sagt Murmeltier Phil. Dafür wirkt er beruhigend. Außerdem sind die Vögel auch schon da.

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Foto: ddp

WAS IST AN DIESEM WINTER SO ANDERS?



Der Winter 2009/2010 ist in großen Teilen Deutschlands besonders schneereich und kalt, und das schon fast zwei Monate lang. Das bedeutet: Er verhält sich nicht so pflegeleicht wie gewöhnlich, bringt diesmal keine dekorative, aber leicht abwaschbare Dekoration in unser Leben, sondern verändert es, macht es unberechenbar: Flüge werden gestrichen, Bahnen sitzen in Schneewehen fest, Autos werden vergraben, und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Die besondere Spezialität in diesem Jahr ist die raffinierte Abfolge von viel Schnee, leichtem Tauwetter und anschließendem Überfrieren, die viele Städte vor allem im Norden Deutschlands für Fußgänger nahezu unpassierbar gemacht und damit den Aktionsradius alter und behinderter Menschen auf Dauer stark eingeschränkt hat.

WIE REAGIEREN DIE DEUTSCHEN AUF DIE JAHRESZEIT?

Die normale deutsche Reaktion auf einen normalen bis harten Winter verläuft vierstufig. 1.: „Gibt es weiße Weihnachten?“ 2.: „Ach, endlich Schnee, wunderbar.“ 3.: „Es ist kalt und glatt, das nervt, aber wir haben uns einen richtigen Winter gewünscht, da dürfen wir nicht meckern.“ 4.: „Jetzt hab ich aber die Schnauze voll.“ Zu erwägen wäre als fünfte Stufe noch die Forderung nach Rücktritt der verantwortlichen Politiker. Tatsächlich haben die Berliner Oberverantwortlichen wieder einmal gezeigt, dass sie locker in der Lage sind, nahezu jedes urbane Problem schlechter und langsamer zu lösen als die Zuständigen in vergleichbaren deutschen Großstädten. Positiv formuliert: Berlin ist glatt, aber sexy. Jedenfalls für die, die sich auf den Beinen halten können oder sowieso im Techno-Club überwintern.

WARUM SIND WIR SO GENERVT?

Das ist der „Winter-Blues“. Der Berliner Bio-Psychologe Peter Walschburger beschreibt das Dilemma, das uns in die Depression treibt: „Durch die längeren Tage kommen wir in vitalere Stimmung, doch die Kälte treibt uns in die Häuser zurück. Das gibt Frust.“ Anfang Januar funktionierte das noch anders herum: Da erhellte der Schnee die dunkle Stadt, verbreitete heitere Stimmung und ließ damit die November-Depression vergessen. Gegenmittel im Februar: Viel Licht einschalten, bunte Kleidung tragen, schwimmen gehen, Schokolade essen – und die anstrengenden guten Vorsätze in den Frühling verschieben, wo sie leichter zu ertragen und eventuell auch leichter umzusetzen sind.

DIE GANZE NORDHALBKUGEL SCHEINT VEREIST, WARUM?

Bereits im vergangenen Oktober haben viele Langzeitspezialisten unter den Meteorologen einen langen, harten Winter vorhergesagt. In den USA kam nach einem sehr kalten Oktober im Dezember eine Kältewelle wie zuletzt 1985. Ähnlich ist die Lage in großen Teilen von Asien und Europa; generell hat sich über der Nordhalbkugel eine Schneedecke bis etwa zum 45. Breitengrad gebildet, in Nordamerika sogar bis zum 35.: In Dallas, jener Stadt, in der die texanischen Ölbarone sonst bekanntlich ständig Bälle im heißen Wüstensand feiern, lagen am Donnerstag 30 Zentimeter Schnee. Pech im Unglück: Ein paar Regionen wie Grönland und Alaska blieben verschont, und deshalb stapfen die Olympioniken gerade im westkanadischen Matsch von Vancouver herum. Was ist passiert? Über der Nordhalbkugel hat sich eine „großhemisphärische“ Großwetterlage ungewöhnlich stabil festgesetzt. Kalte Luftmassen strömen in Bodennähe Richtung Äquator, warme Luft zirkuliert quasi als Ausgleich in Richtung Arktis. Europa ist damit weitgehend von der normalerweise vorherrschenden milden Westwindströmung abgeschnitten und verharrt in einem sich selbst speisenden Tiefkühlkreislauf.

WIRD ES NOCH SCHLIMMER?

Kommt drauf an. Murmeltier Phil hat Anfang Februar seinen Schatten gesehen – das heißt: strenger Winter bis Mitte März. Phils Voraussagen gelten als hundertprozentig korrekt, allerdings nur für die Umgebung seines Heimatortes Punxsutawney in Pennsylvania. In Deutschland sollte sich die Wetterlage bis Ende kommender Woche mit wenig Schnee und Temperaturen über dem Gefrierpunkt eher entspannen; die Kooperation zwischen einem Tief über Norditalien (Feuchtigkeit) und einem Hoch über den britischen Inseln (Kaltluft) scheint langsam zu Ende zu gehen.

WANN MACHT DER KLIMAWANDEL DIESEM SPUK ENDLICH EIN ENDE?

Danach sieht es absolut nicht aus. Es mehren sich im Gegenteil die Anzeichen, dass uns der aufkommende „El Nino“, eine warme Strömung im tropischen Pazifik, in den nächsten Jahren noch weitere kalte Winter bescheren wird – Studien haben ergeben, dass beispielsweise die extrem kalten Winter 1940 bis 1942 mit einem starken El Nino korrelierten. Der warme Pazifik schafft im Zusammenspiel mit einem stabilen Tief über dem Nordatlantik die Voraussetzungen für Schnee und Dauerfrost im Norden. Weiter im Süden bringt er andere Unwetter: Die ungewöhnlich heftigen Stürme in Kalifornien im Januar 2010 weisen deutlich auf das El-Nino-Phänomen hin: „Das ist eine klassische Situation“, sagt der kalifornische Ozeanograph Tim Barnett, „wir stecken ziemlich genau im typischen Muster“. Für die Südhalbkugel bedeutet das ganz anders geartete Wetterkapriolen: In Brasilien ächzen die Menschen unter Rekordhitze, in Ecuador herrscht Dürre und in Mexiko treten Flüsse über die Ufer.

IST DAS NICHT DER KÄLTESTE JAHRESBEGINN SEIT MENSCHENGEDENKEN? 

In den kältesten Ecken der Nordhalbkugel möglicherweise. Auf der Südhalbkugel ganz sicher nicht. Die Nasa hat 2009 gerade zum zweitwärmsten Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen erklärt, allerdings wachsen zunehmend die Bedenken gegen die Aussagekraft solcher global gemittelten Berechnungen, und auch die Nasa-Zahlen werden nach den vielen peinlichen Enthüllungen über den Bericht des Weltklimarats IPCC („Climategate“) zunehmend in Zweifel gezogen. Unstrittig ist eigentlich nur, dass es in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr wärmer geworden ist und 1998 das wärmste Jahr der Aufzeichnungen war. Der Beginn dieser offiziellen Aufzeichnungen liegt allerdings im Jahr 1850, dem Ende der sogenannten „kleinen Eiszeit“. Dass es seitdem wärmer geworden ist, darf uneingeschränkt als Segen gewertet werden. Und generell zeigt gerade der aktuelle Winter, dass die Spanne der natürlichen Wetterschwankungen weitaus größer ist als die Tendenzen, die in den IPCC-Klimamodellen vorausgesagt werden – deutsche Skiliftbesitzer können aufatmen.

STIMMT DAS: HARTER WINTER, SCHÖNER SOMMER?

Es gibt Meteorologen, die zumindest ein warmes Frühjahr in diesem Jahr für etwas wahrscheinlicher halten als ein kaltes. Für den Sommer gilt: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist. . .

WELCHE VORTEILE HAT DER HARTE WINTER?

Er wirkt generell beruhigend, zum Beispiel im Verkehr. Die Fahrradplage ist weitgehend zum Erliegen gekommen, aber auch zahllose Autos sind durch Eisbarrieren auf dem Parkplatz eingesperrt. Und wenn sie doch starten können, schenken sich die Fahrer sinnlose Alarmstarts an der Ampel und wilde Überholmanöver, weil für die einfach kein Platz ist. Aber auch der Kriminalstatistik kommt das Wetter zugute. Niemand hängt auf der Straße herum und wartet auf eine Gelegenheit, anderen an die Gurgel zu gehen, und selbst massive kriminelle Energie erlahmt, wenn der Fluchtweg mit Eis bedeckt ist. So ist in Washington, der US-Mordmetropole, seit dem Beginn der Schneefälle am 3. Februar kein Tötungsdelikt mehr registriert worden.

NA, WENIGSTENS HABEN WIR IM SOMMER KEINE MÜCKEN, ODER?

Schön wär’s. So schlau sind Mücken, Borkenkäfer und anderes Gezücht schon lange. Sie „fühlen sich im Schnee sauwohl“, wie der Göttinger Experte Michael Habermann sagt. Sie haben sich an das mitteleuropäische Ökosystem angepasst und überwintern ohne Probleme. Eher kann ein feuchter Frühling mit wechselnden Temperaturen die Populationen gefährden, weil sie dann anfällig gegen Pilze sind.

NOCH IRGENDETWAS AUFBAUENDES? 

Die ersten Vögel haben in Berlin gerade zu singen begonnen – sie stecken ihr Revier ab. Das hat noch nicht viel zu sagen, weil sie in erster Linie auf die längeren Tage reagieren. Aber es deutet doch an, dass es auch 2010 Frühling werden wird.

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