Welt : Wetterleuchten

Der Sommer ist besser als es manchmal scheint – auch wenn es jetzt ein bisschen kalt wird

Andreas Oswald

Die Tangotänzer zitterten am gestrigen Abend bis zuletzt, ob aus dem geplanten Open-Air-Tango nahe der Museumsinsel etwas werden würde. Das Wetter kann derzeit bei allen Veranstaltungen im Freien einen Strich durch die Rechnung machen. Das war im letzten Jahr anders.

Ist dieser Sommer wirklich so schlecht, wie es manchmal scheint? Die kommenden Tage sollen eher wechselhaftes Wetter - und ja, Kälte – bringen. Doch dass der Juni durchwachsen ist, mit vielen Wolken, Regen und auch Sturm, ist etwas völlig Normales. Der Extremsommer im letzten Jahr hat die Maßstäbe verrückt. „Wir haben den Blick für die Realität verloren“, sagt Thomas Globig von Meteomedia. „Das Jahr 2004 hat einen ganz normalen mitteleuropäischen Sommer.“

Der war bisher gar nicht schlecht. Es gab mehrere sommerliche Phasen und auch an wechselhaften Tagen war es über weite Strecken freundlich. Die Temperaturen lagen oft über dem Durchschnitt, zuletzt am gestrigen Dienstag, als 23 bis 24 Grad erreicht wurden. Normal sind um diese Zeit 22 Grad.

Dafür wird es in den kommenden Tagen kälter werden. Höchsttemperaturen von 17 Grad sagen die Meteorologen für heute und am Freitag voraus. In der Nacht zum Donnerstag und zum Samstag soll die Temperatur auf 9 Grad sinken.

Ursache der lang anhaltenden instabilen Wetterlage ist die so genannte „Troglage“. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass im Westen über dem Atlantik ein stabiles Hoch liegt, das sich weigert, in Richtung Osten nach Mitteleuropa zu ziehen. Gleichzeitig liegt über Skandinavien ein Tief. Dazwischen bildet sich der „Trog“, eine Kaltluftdelle, die sich Richtung Süden wölbt. Zwischen dem Hoch und dem Tief kann die Kaltluft aus dem Norden ungehindert durchziehen. Der Mechanismus wird zusätzlich unterstützt durch die Drehbewegungen des Hochs und des Tiefs. Ersteres dreht sich im Uhrzeigersinn und schaufelt so an seiner Ostseite Luft aus dem Norden nach Süden. Das Tief dreht sich dagegen entgegen dem Uhrzeigersinn und schaufelt an seiner westlichen Seite Kaltluft aus dem Norden zu uns.

Die Meteorologin Susanne Danßmann von Meteomedia weist auch auf die Vorteile eines schlechten Sommerwetters hin. Die Natur sei derzeit ziemlich ausgetrocknet. Seit März liegen die durchschnittlichen Niederschläge nur bei 40 bis 60 Prozent des Normalwerts. „Mehrere Tage durchgehender Landregen täten der Natur gut“, sagt Danßmann.

Das aber ist genauso wenig abzusehen wie ein richtiger Sommer. „Weit und breit ist kein richtiges Hoch zu sehen, das zu uns kommt“, sagt Danßmann. Das aber wäre notwendig, um einen richtigen Sommer einzuleiten. Die Wetterlage müsste sich vollkommen umstellen von der derzeitigen instabilen Konstellation zu einer stabilen Hochlage. Dafür müsste sich Anfang Juli ein Hoch über Großbritannien oder Skandinavien festsetzen und verhindern, dass neue Tiefs vom Atlantik hierher gelangen.

Wenn nicht, dann bleibt das Wetter eben so wie es in den letzten Wochen war und in den nächsten Tagen sein wird: manchmal schön und manchmal eher traurig.

Wie beim Tango.

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