Wetterphänomen : Tornados fegen über Norddeutschland

Trümmer, abgedeckte Dächer, umgeknickte Bäume: Zwei Tornados hinterlassen im nördlichen Teil Deutschlands eine breite Schneise der Verwüstung. In Deutschland gibt es immer häufiger schwere Tornados.

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Nach dem Sturm. Ein Hausdach liegt in der idyllischen Landschaft. Foto: dpa

Großsolt - Der vierjährige Björn schläft und merkt nicht, dass er in Lebensgefahr schwebt, als sich die Decke seines Zimmers langsam hebt. „Es war, als hätte jemand daran gezogen“, beschreibt seine Mutter Tanja Brogmus die Kraft des Tornados, der am Dienstagabend über Großsolt in Schleswig-Holstein hinwegfegte und eine breite Schneise der Verwüstung hinterließ. „Man konnte durch die aufgerissene Zimmerdecke den Himmel sehen“, sagt Feuerwehr- Einsatzleiter Erich Lassen. Doch der Kleine blieb wie alle anderen im Ortsteil Großsoltholz des 2000-Einwohner-Orts nahe Flensburg unverletzt. „Unser Grundstück sieht aus wie nach einem Bombenanschlag“, erzählt Vater Frank Brogmus.

Auch Christin Johannsen steht der Schreck noch ins Gesicht geschrieben. Rund um ihr Haus liegen Trümmer von roten Dachpfannen, auf dem Dach klaffen große Löcher. „Das glaubt keiner: Ich schaute aus dem Fenster und sah unser großes Trampolin aufsteigen und über unser Haus fliegen. Wir haben es noch nicht wiedergefunden“, sagt sie. Das Trampolin wiegt 150 Kilogramm. Auch der massive Strandkorb wurde von der Terrasse hinter das Haus geschleudert. Mann Rolf und Sohn Steffen haben sich von Arbeit und Schule beurlauben lassen, um aufzuräumen und die Schäden zu beheben.

In dem Ort knickten zudem mehrere bis zu 100 Jahre alte Bäume mit bis zu 60 Zentimetern Stammdurchmesser wie Streichhölzer um. „Eine komplette Baumkrone war vom Stamm abgedreht worden und auf eine Stromleitung geflogen. Die mussten wir mit einem Kran herunterheben“, sagte Lassen. Insgesamt waren rund 50 Feuerwehrleute im Einsatz.

Überall auf der Straße liegen umgeknickte Bäume und Äste. „Die Kraft war beängstigend“, sagt Rolf Johannsen. Er ist mit der Motorsäge unterwegs, um die Straße freizuräumen. Das Holz will er für seinen Kamin nutzen. Sein Sohn macht sich an die 300 kaputten Dachpfannen, nachdem der Versicherungsmakler den Schaden fotografiert und aufgenommen hat. „Die Pfannen kann man ersetzen, die 100 Jahre alten Bäume nicht“, sagt Rolf Johannsen. Nur eine große Birke hat den Sturm weitgehend unbeschadet überstanden.

Dachdecker Lenhard Oltrop aus Großsolt ist bereits seit 7 Uhr im Einsatz. „Es tut mir leid für die Leute, aber uns bringt es Arbeit“, sagt er. Sein Chef habe bis Mitternacht die gröbsten Schäden beseitigt, nun sei er dran, die Dächer neu zu decken. Elf Häuser wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Ein weiterer Tornado war wenige Stunden zuvor in Neumünster aufgezogen. Dort wirbelte er durch den Stadtteil Gartenstadt, knickte etwa zehn Bäume um und beschädigte das Dach eines Pferdestalls. Auch hier wurde niemand verletzt.

Unter Meteorologen gibt es einen Streit, ob man das Wetterphänomen als Tornado oder Windhose bezeichnet. Während der traditionelle Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach von Windhosen spricht, besteht der Fernsehmeteorologe Jörg Kachelmann auf dem Begriff Tornado. Tornados fordern vor allem in den USA immer wieder Todesopfer, vor allem, wenn sie über Siedlungen hinwegfegen, in denen die Menschen in Wohnwagen leben.

In Deutschland gibt es immer häufiger schwere Tornados. Die Zahl der Todesopfer ist aber gering, was vor allem an der stabilen Bauweise der Häuser in Deutschland liegt. Tornados werden durch große Druckunterschiede verursacht und treten plötzlich und kurzzeitig am Rand von Gewitterzonen auf. Eine Vorhersage sei daher praktisch unmöglich, erklärte gestern ein Sprecher des Deutschen Wetterdienstes. dpa

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