WHO : Reiche leben länger – auch im Verkehr

Wer kein Geld hat, wird eher Unfallopfer, sagt die WHO. Experten bezweifeln einen direkten Zusammenhang. In Deutschland gebe es außerdem risikofreudige Gruppen, die nicht gerade zu den Ärmsten gehören.

Cosima Stawenow

Arme Menschen werden häufiger krank, arme Menschen werden schneller dick und arme Menschen haben weniger Zugang zu Bildung. So weit, so bekannt. Nun will die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgedeckt haben, dass arme Menschen auch ein weitaus höheres Risiko tragen, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden als Reiche. Weltweit sterben rund 1,27 Millionen Menschen im Straßenverkehr, die meisten von ihnen in armen Ländern, behauptet eine Verkehrsstudie, die die WHO am Montag in Genf vorgestellt hat.

„Mehr als 90 Prozent der weltweiten Verkehrstoten treten in Ländern mit unteren und mittleren Einkommen auf“, sagte Etienne Krug, Leiter der Abteilung für Gewalt- und Verletzungsprävention der WHO. Auch in Industrieländern würden Arme häufiger verletzt als Reiche. Die Hälfte alle Verkehrstoten sind Fußgänger und Radfahrer. Eine Erklärung für diesen Zusammenhang lieferte die WHO bisher nicht, sie kritisierte jedoch, dass es in vielen Ländern an Sicherheitsvorschriften wie Geschwindigkeitsbegrenzung, Promillegrenze und Gurtpflicht mangele.

Für Alfred Fuhr, Sprecher des Instituts für Verkehrssoziologie des Automobilclubs von Deutschland (AVD), sind die Gründe für die erhöhte Unfallgefahr jedoch keine ökonomischen, sondern kulturelle. Das Einkommen des Verkehrsteilnehmers könne in den meisten Fällen nur eine geringe Rolle spielen, sagt er. Viel wichtiger seien kulturelle und soziale Bedingungen. So führe beispielsweise in den arabischen Ländern der Glaube an ein gottgewolltes Schicksal häufig dazu, dass die Autoinsassen sich nicht anschnallen.

In Deutschland gebe es außerdem risikofreudige Gruppen, die nicht gerade zu den Ärmsten gehören: etwa Harleyfahrer oder diskobegeisterte Jugendliche.

Menschen mit geringem Einkommen, die gar kein Auto besitzen und deshalb eher auf Bus und Bahn angewiesen sind, seien sogar dem geringsten Risiko ausgesetzt, da die meisten Unfälle mit dem Pkw passieren, erklärt Fuhr. Und in den risikoreichen Ländern Südeuropas sei das Bewusstsein für Verkehrssicherheit eben einfach weniger ausgeprägt als bei den besonders sicheren Ländern im Norden.

Fuhr schränkt allerdings ein, dass Verkehrssicherheit eine teure Angelegenheit sei, die in der Tat bei Weitem nicht von allen Ländern gleich gut geleistet werden könne. So trügen vor allem Airbags, Gurte und elektronische Warnsysteme zu der geringen Unfalldichte beispielsweise in Deutschland bei. Auch die Straßenausstattung sage viel über die Zahl der Unfälle aus. So gebe es in Ländern mit mehr Autobahnen weit weniger Verkehrsopfer als dort, wo Landstraßen dominieren.

Die WHO geht davon aus, dass sich die Zahl der Verkehrstoten weltweit bis zum Jahr 2030 verdoppelt. Fuhr kann sich diese Entwicklung nur so erklären: „Wir rechnen mit einer weltweiten Verkehrszunahme, gleichzeitig können wir aber nicht davon ausgehen, dass auch überall die Qualität von Technologie und Infrastruktur zunehmen.“ Cosima Stawenow

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