Welt : "Wie alles in diesem Land": Das Gewicht der Oblate

Ulrike Baureithel

Für "Himmel unter der Stadt" ist er in die New Yorker U-Bahn-Schächte hinab gestiegen. Dort hat er, wie kürzlich in einem Interview zu lesen war, Zigaretten verteilt, die wichtigste Währung der dort unten lebenden Underdogs. Einige Zeit hat er mit ihnen in den Tunneln gelebt, tageweise zumindest, bis er stank "wie ein fauliger Blumenstrauß". Dann ging er nach Hause, duschte, und irgendwann hatte er genügend Material, setzte sich hin und schrieb einen Roman.

In der Soziologie nennt man diese Methode teilnehmende Beobachtung. In der Literatur hat diese Form engagierter Teilhabe in den zwanziger Jahren ihre höchste Blüte erreicht, und das damals proklamierte Authentizitätsgebot eröffnete einen lange währenden, nie entschiedenen Realismusstreit. Weniger ambitioniert könnte man in solchen Fällen auch von ausgedehnten journalistischen Reportagen sprechen, wäre da - zumindest beim 1965 in Dublin geborenen und in New York lebenden Colum McCann - nicht die Sprache: Dicht, voller metaphorischer Bezüge, kaum ein Gegenstand, ein Bild, die nur für sich selbst sprächen.

Dabei legt McCann Wert darauf, dass seine Bücher zwar präzise recherchiert sind, aber ohne autobiographischen Hintergrund auskommen. Auch das Irland der achtziger Jahre, das in dem neuen Erzählband "Wie alles in diesem Land" aufsteigt, schöpft nicht aus biographischen Quellen, sondern aus der Anschauung, diesmal aus der Perspektive der Kinder und Jugendlichen, die sich in einen "Krieg" verstrickt sehen, den keiner so nennen darf und den sie nicht zu deuten wissen, doch der ihr Leben tagtäglich bestimmt.

Dabei ist es für die Kids letztlich unerheblich, ob sie dem katholischen Teil der nordirischen Bevölkerung angehören oder als Söhne der Presbyterianer auf die Welt gekommen sind. Die Titelerzählung handelt von einem jungen Mädchen, das gemeinsam mit ihrem Vater - einem "geschlagenem, einsamen Baum, der sich verzweifelt nach Wald sehnt"- gegen das Sommerhochwasser ankämpft, in dem das einzige Pferd zu ertrinken droht. Eine zufällig vorbeikommende Gruppe von Soldaten rettet das Tier - doch die Bitterkeit des Mannes, dessen Frau und Kind von einem Armeelaster überfahren wurden, ist unversöhnlich. "Dreckskerle", nennt er die Retter, während sich das Mädchen in einen verliebt und gleichzeitig weiß, dass es keine Perspektive gibt: Nicht für das Pferd und nicht für ihre Liebe.

Aussichtslos scheint auch das Leben einer Presbyterianerfamilie in Derry, die sich aus den verfeindeten Lagern heraushalten will, aber dem ökonomischen Druck erliegt und das "Holz" (so der Titel der Geschichte) an die Orangeisten verkauft: "Die Stämme waren groß und schwer und dick, aber die Äste schlugen sich wie Menschen."

Während die beiden Short-Stories den Bürgerkrieg aus der Ich-Perspektive des Kindes wahrnehmen, wird die Hauptfigur Kevin in der dritten, erheblich längeren Erzählung "Hungerstreik" mit mehr Distanz eingeführt. Der Dreizehnjährige ist mit seiner Mutter von Derry in die Bucht von Galway geflohen, während sein Onkel in Nordirland in den Hungerstreik tritt, um für sich und seine Kombattanten den Status als Kriegsgefangene durchzusetzen. Der vaterlose, sich selbst überlassene Junge glaubt, sich im "Hemd des Alleinseins" eingerichtet zu haben, doch der Schmerz, den es bedeutet, zwischen zwei Ländern zerrissen zu leben und wie Bauern auf einem Schachbrett zu (re)agieren, lässt Kevin sich in eine wahnhafte Verbindung zu dem ihm unbekannten Onkel hineinsteigern.

Stellvertretend leidet er für den Onkel Hunger, protokolliert dessen Verfall und kämpft dessen Gefechte, die in ihrer bizarren Aufgeblasenheit durchaus ein Licht werfen auf die realen Verhältnisse: Zum Beispiel dort, wo der Junge in der Kirche darüber sinniert, ob die zur heiligen Kommunion gereichte Oblate den Streik der Gefangenen zu brechen imstande sei: "Das Gewicht der Oblate drückte auf ihre Zungen, sodass sie Gott nicht fragen konnten. Langsam lösten sich die Oblaten in der Spucke auf, und der Hungerstreik war gebrochen."

Schließlich trifft Kevin auf einen alten Litauer, der ihm das Kanufahren beibringt und ein Stück weit die Vaterstelle einnimmt. Das politisch unterlegte Pubertätsdrama mag an manchen Stellen - insbesondere dort, wo die Mannwerdungsexerzitien verhandelt werden - nicht immer geschmackssicher sein und überkommene Geschlechtsstereotypen reanimieren. Doch die Sprunghaftigkeit des Jungen, die er dem Springer beim Schach abgeschaut hat, seine mentale Ver-rückung und die unendliche Trauer an dieser abgelegenen Bucht von Galway sind echt.

So echt wie das belagerte Derry, die brennenden Straßen, die allgegenwärtigen Soldaten und die vereinsamten grünen Grenzen zwischen den Ländern, wo man auf verwucherten Pfaden Benzin schmuggelte, während in der Ferne Schüsse hallten. Wer das Nordirland der frühen achtziger Jahre kennen gelernt hat, die ökonomische Stagnation und die politische Resignation - "die Schwierigkeiten, die heute bitter schmecken" -, wird es in den Erzählungen Colum McCanns wieder finden - ohne autobiographische Selbstermächtigung, aber voll lebendiger Teilnahme.

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