Welt : Wie die Airlines auf wachsende Probleme mit Fluggästen reagieren

Rainer W. During

"Das war der bisher schwerste Zwischenfall an Bord eines LTU-Fluges", so der Sprecher der Airline, Marco Dadomo. Auch Cornelia Eichhorn vom Luftfahrtbundesamt ist kein vergleichbarer Fall in Deutschland bekannt. In Japan erstach im Juli 1999 ein Luftpirat den Flugkapitän eines vollbesetzten Jumbo-Jets. Während derartige Bluttaten im weltweiten Luftverkehr eine Ausnahme sind, bereiten aggressive Passagiere den Fluggesellschaften zunehmend Probleme.

Ob es der über eine Verspätung verärgerte Geschäftsmann oder der schon beim Start in die Ferien volltrunkene Ballermann-Tourist ist, immer häufiger sehen sich Flugzeugbesatzungen mit gewalttätigen Reisenden konfrontiert. Manchmal fördern auch Flugangst oder Engegefühl die Aggressivität, genervte Kettenraucher an Bord von Nichtraucher-Flügen ließen die Piolotenvereinigung Cockpit sogar schon wieder eine Lockerung des Rauchverbots an Bord fordern. Verstöße dagegen machten knapp die Hälfte der 1252 Vorfälle aus, die von der Gewerkschaft Mitte 1998 für einen Jahreszeitraum an Bord deutscher Flugzeuge ermittelt wurden. Tätlichkeiten über den Wolken blieben mit 36 Fällen dagegen die Ausnahme.

Die Airlines sprechen dagegen von einem weitaus geringeren Anteil der so genannten "Unruly Passengers". Bei rund 7,4 Millionen Jahrespassagieren kommt der Ferienflieger LTU auf 50 bis 70 Zwischenfälle im Jahr. Die Lufthansa bescheinigt den Linienpassagieren ein noch besseres Verhalten. Von 44 Millionen Reisenden im Jahre 1999 fielen im Monatsdurchschnitt 28 aus der Rolle. Seit Erlass der neuen, europäischen Luftfahrtbestimmungen im Sommer vergangenen Jahres ist die Schulung des Kabinenpersonals zur Bewältigung von Konfliktsituationen auch für deutsche Fluggesellschaften Pflicht. Das Luftfahrtbundesamt kontrolliert die Einhaltung der Vorschriften. "Unsere Crews haben extra ein Handbuch mit Verhaltensregeln für solche Fälle", so Dadomo.

Auch nach dem jüngsten Zwischenfall wollen die deutschen Ferienflieger nicht, wie ihre US-Kollegen, mit verriegelter Cockpittür starten. "Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht". sagt Bernd Bockstahler von der Vereinigung Cockpit. "Wenn einer kräftig dagegen tritt, ist das Ding ohnehin offen". Die geöffnete Tür signalisiere Transparenz und schaffe Vertrauen.

Bewaffnete Flugbegleiter, wie sie in manchen Ländern üblich sind, lehnt die Vereinigung Cockpit ebenso wie der Welt-Pilotenverband IFALPA aus Sicherheitsgründen ab. Und Peter Jacobus von der Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO hält auch nichts von Selbstverteidigungskursen. Im Ernstfall sind die Besatzungen berechtigt, alles in ihrer Möglichkeit stehende zu tun, um die Sicherheit an Bord zu gewährleisten. So gehören bei manchen Airlines Handschellen bereits zur Standardausrüstung. Und auch die Strafverfolgungsbehörden reagieren zunehmend schärfer. Randalierer über den Wolken müssen mit Geld- oder sogar Haftstrafen rechnen.

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