Welt : Wie eine Feuerwalze im Dschungel

Christoph Link

Goma an der Grenze zu Ruanda galt als das Handelszentrum im Osten der Demokratischen Republik Kongo, doch seit gestern ist die malerisch am Ufer des Kivu-Sees gelegene Stadt weitgehend Schutt und Asche.

Der Hausberg von Goma, der 3425 hohe Nyiragango, ist am Donnerstagmorgen nach 25 Jahren Ruhe wieder ausgebrochen. Drei Lavaströme, 100 Meter breit und bis zu zwei Meter hoch, ergossen sich von der West-, Ost- und Südflanke des Kraters ins Tal hinab. Wie eine Feuerwalze brannten sich die rot-glühenden Lavaströme durch den Dschungel, fraßen sich über Straßen hinweg und durch Siedlungen hindurch.

Zwei Ströme erreichten die vom Kegel zehn Kilometer entfernte Stadt Goma und teilten sie in zwei Hälften. Die Bevölkerung konnte von Glück sprechen, da die Geschwindigkeit der Ströme relativ langsam war - zunächst mit 180 Meter pro Stunde, am Ende nur noch mit fünf Kilometer pro Stunde. Mit der Katastrophe vom Januar 1977, als dünne Lavaströme mit Geschwindigkeiten von 60 bis zu 100 Stundenkilometern aus einem Riss des Vulkans schossen, kann das heutige Desaster daher nicht verglichen werden. Damals starben binnen einer halben Stunde nach sehr unterschiedlichen Schätzungen 500 bis 2000 Menschen.

Beim jetzigen Ausbruch sollen nach Angaben von UN-Sprechern vor Ort bisher mindestens 45 Menschen ums Leben gekommen sein. Diesmal löste der Kraterausbruch eine mehr oder weniger geordneten Fluchtwelle aus der Stadt Goma aus. Zu Fuß oder im Auto hatten sich am Donnerstag bis zu 400 000 Menschen in das Grenzdorf Gisenyi auf der ruandischen Seite begeben, im Rücken einen feuerroten Himmel. Die Stimmung war gespannt, doch nicht panisch. Aus dem Gefängnis von Goma waren Schreie zu hören, die Häftlinge versuchten auszubrechen, Schüsse fielen. Goma liegt nicht mehr im Hoheitsbereich der kongolesischen Zentralregierung in Kinshasa, sondern wird von der Rebellengruppe "Kongolesische Bewegung für Demokratie" (RCD) kontrolliert und verwaltet. Die RCD liefert sich seit drei Jahren einen Bürgerkrieg mit den Regierungstruppen des kongolesischen Präsidenten Joseph Kabila. Gestern kehrte die Bevölkerung zum großen Teil schon wieder zurück, um die Schäden zu besichtigen. Ein Lavastrom hat sich bis in die Stadtmitte von Goma gefressen, aus dem schwarzen Wurm ragten Mauerteile und Gegenstände wie ein Fahrrad oder ein Mofarahmen heraus. Bis auf einige Mauern wurde die Kathedrale von Goma zerstört, zahlreiche Hütten und Häuser fielen Bränden zum Opfer.

Auch Gebäude der RCD-Verwaltung sowie der humanitären Verbände Rotes Kreuz und Oxfam wurden beschädigt. Am Flughafen von Goma wurden die Benzinlager sowie das Hauptgebäude verschont, doch ein Teil der Flugpiste wurde von Lava überströmt. Die Rebellengruppe RCD hatte zuvor alle Flugzeuge zum Starten aufgefordert. Wie durch ein Wunder ist das Hauptquartier der Vereinten Nationen verschont geblieben, die Lava stoppte 300 Meter davor. Die UN haben 400 Blauhelme in Goma stationiert, die einen Waffenstillstand überwachen sollen. Nicht durch Feuer, aber durch Plünderungen ist das Haus der UN schließlich doch noch geleert worden. Die größte Gefahr sei jetzt gebannt, erklärte der Direktor des Vulkanzentrums von Goma, Dieudonné Waffula, gestern in einem Gespräch mit der Agentur AFP. "Der gesamte Lavainhalt des Kraters, geschätzte 200 Millionen Kubikmeter, hat sich ins Tal ergossen", sagte Waffula.

Einige leichte Erdschwankungen versetzten die Bevölkerung gestern dennoch in Angst. Waffula sieht die größte Gefahr allerdings im Austreten von Gasen aus der noch heißen Lava und dem Vulkan. Mit nassen Tüchern vor Mund und Nase versuchten sich rückkehrende Bürger von Goma vor Rauch und Gasen zu schützen. Die lokale Rebellenverwaltung hat indes einen Hilfeaufruf an die internationale Gemeinschaft verschickt. "Wir brauchen Wasser, Nahrung, Medikamente, Planen und Zelte", sagte Azarias Ruberwa, der Generalsekretär der RCD. Als eines der ersten Länder hat Deutschland gestern eine Summe von 300 000 Euro für humanitäre Nothilfe für Goma bereitgestellt. Außenminister Joschka Fischer berief einen Krisenstab ein, der die Hilfe koordinieren soll. Wie das Internationale Rote Kreuz mitteilte, haben Freiwillige des Roten Kreuzes von Ruanda inzwischen vor Ort mit humanitärer Hilfe begonnen.

Für Vulkanologen war die Katastrophe von Goma offenbar absehbar. Schon Ende des vergangenen Jahres hatten japanische Forscher vor einem Ausbruch gewarnt. Da Goma vom Bürgerkrieg betroffen und die Sicherheitslage prekär ist, trauten sich seit Jahren allerdings nur noch wenige Experten in das Gebiet.

Die Demokratische Republik Kongo

Das frühere Zaire - die Demokratische Republik Kongo ist fast sieben Mal so groß wie Deutschland. Doch die Wirtschaft des zentralafrikanischen Landes ist ruiniert. Die Diktatur des früheren Präsidenten General Mobutu Sese Seko führte den Staat in den politischen und sozialen Bankrott. Nach Laurent Kabila, der 2001 bei einem Anschlag getötet wurde, hat sein Sohn Joseph die Regierungsgeschäfte übernommen.

Als die frühere belgische Kolonie 1960 in die Unabhängigkeit entlassen wurde, träumten viele von Wohlstand. Das drittgrößte Land Afrikas ist reich an Bodenschätzen, fruchtbarem Ackerland und tropischem Regenwald. Doch die Startbedingungen waren schlecht - die Kolonialherren hatten kaum in Bildung und Infrastruktur investiert. Zudem erschüttern ethnische Konflikte und Bürgerkriege das Land immer wieder. Dabei hat Kongo auch großes touristisches Potenzial: Bekannt ist zum Beispiel der Virunga-Nationalpark mit seinen Gorillas. Dort liegt auch der Vulkan Nyiragongo.

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