Welt : Wie eine Sklavin gehalten

Eine Frau ist aus einer Familie geflohen, die sie ein Jahr lang festgehalten haben soll. Die Staatsanwaltschaft hält sie für glaubwürdig

Der Tatort. Den Nachbarn des Hauses in der Neckarstrasse in Haßmersheim ist nichts aufgefallen. Die Familie wohnte erst seit März in dem Dorf und hatte wenig Kontakte. Foto: dpa
Der Tatort. Den Nachbarn des Hauses in der Neckarstrasse in Haßmersheim ist nichts aufgefallen. Die Familie wohnte erst seit März...Foto: dpa

Flüchtete die 20-Jährige durch dieses kleine weiße Fenster? Der Blick durch die Scheibe fällt auf einen schwarz-weißen Totenkopfschal und eine blaue Karojacke. Mehr lässt sich in dem verlassenen Raum nicht erkennen. Die Eingangstür zur Wohnung in dem niedrigen Mehrfamilienhaus mit idyllischem Blick auf den Neckar ist von der Polizei versiegelt. Die Bewohner, ein Ehepaar mit Sohn, sind seit Mittwoch in Untersuchungshaft. Sie werden beschuldigt, die 20 Jahre alte Würzburgerin eingesperrt, misshandelt und mit Gewalt zur Hausarbeit gezwungen zu haben. Auch von einem sexuellen Übergriff ist die Rede. Der 51 Jahre alte Mann saß schon mal wegen Misshandlung Schutzbefohlener und Körperverletzung hinter Gittern.

Die Familie sei im März eingezogen, erzählt der Hausmeister Christian Pöppinghaus. Im Februar habe er die Familie durch die Wohnung geführt, im März sei sie offiziell eingezogen, sagt der Hausmeister. Die junge Frau habe er immer nur in Begleitung gesehen, sich aber nichts dabei gedacht.

Die 20-Jährige soll den minderjährigen Sohn der Familie über das Internet kennengelernt haben. Der hat nun ein Teilgeständnis beim Haftrichter abgelegt, wie Oberstaatsanwalt Franz-Josef Heering am Freitag in Mosbach bestätigte. Der 51 Jahre alte Familienvater und dessen 45 Jahre alte Frau hätten dagegen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft bestritten.

An ihrer aktuellen Adresse in Haßmersheim ist die Familie kaum bekannt: „In diesem Haus an der Neckarstraße – einer ehemaligen Diskothek – gibt es häufig Mieterwechsel“, sagt Inge Ruffler in der Bäckerei in der Ortsmitte. Es ist ein heruntergekommenes Gebäude direkt am Neckar. Der Putz bröckelt von den Wänden, im Erdgeschoss hängt ein roter Vorhang halb abgerissen an einem Fenster, hinter dem die Familie wohnte. Hier soll die Würzburgerin immer wieder misshandelt und gedemütigt worden sein, um sie so zu Hausarbeiten zu zwingen. Einmal soll der Vater sie sogar sexuell genötigt haben. Einer aus der Familie habe die junge Frau immer bewacht.

„Von Kopf bis Fuß tätowiert und gewalttätig“, so hat der 51-jährige Vater auf den Hausmeister und direkten Nachbarn Christian Pöppinghaus gewirkt. Er hat der Familie die Wohnung gezeigt. „Damals war die junge Frau nicht dabei“, sagt er. Später hat er sie dann aber immer mal wieder gesehen. „Wir dachten, das sei die Cousine des Sohnes.“ Trotz der beengten Wohnverhältnisse im Haus habe niemand verdächtige Geräusche aus der Wohnung im Erdgeschoss gehört, sagt Pöppinghaus. „Der Vater, der Sohn und sie sind regelmäßig mit dem Hund am Neckar spazieren gegangen.“ Alleine hätten sie sie nie gelassen. „Wenn die Familie mit dem Auto weggefahren ist, haben sie sie immer direkt an der Eingangstüre im Innenhof des Hauses abgeholt.“

„Schlimm“, nennt es der Haßmersheimer, dass er trotz des hellhörigen Hauses nichts bemerkt hat, aber man habe ihr nichts angesehen. Einmal sei er sogar in der Wohnung der Familie gewesen. „Zum Heizungsablesen.“ Da habe die 20-Jährige „schüchtern neben dem Familienvater gestanden“. Die Eltern sind kein unbeschriebenes Blatt. Schon im Dezember 2002 war der Vater wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen vom Landgericht Heidelberg zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden, die Mutter bekam zwei Jahre auf Bewährung. „Die damalige Tat weist erhebliche Parallelen zum aktuellen Fall auf“, sagt der leitende Mosbacher Oberstaatsanwalt Andreas Freyberger. Oberstaatsanwalt Franz-Josef Heering erklärte, „wir gehen davon aus, dass die junge Frau sich in einer psychischen Drucksituation befand und Angst hatte, einen Fluchtversuch zu unternehmen, wenn sie sich außerhalb des Hauses bewegte“.

Vor knapp drei Monaten soll die Familie nach Haßmersheim gezogen sein. Die Familie hat offenbar bis vor wenigen Monaten in Elsenz gewohnt. Bestürzt und verwundert haben ehemalige Nachbarn im Eppinger Stadtteil gestern auf die Nachricht reagiert. Das gelb getünchte Haus an der Elsenzer Ortsdurchfahrt wirkt herausgeputzt. Nur auf einem Balkon im ersten Stock stapeln sich alte Möbel. „Die sind irgendwann einfach weg“, berichtet der Besitzer über seine früheren Mieter. Etwa zwei Jahre lang wohnten Vater, Mutter und der Sohn im Teenager- alter in Elsenz.

Einer Nachbarin zufolge sei auch ein etwa 16-jähriges Mädchen in der Wohnung ein- und ausgegangen. Angeblich handelte es sich um die Freundin des Sohnes. Das Mädchen habe sich rund um das Haus frei bewegt. Nichts habe den Verdacht nahe gelegt, dass ihr Gewalt angetan worden sei oder dass noch eine weitere junge Frau in dem Haushalt lebe. Als seine Mieter vor rund einem halben Jahr auszogen, sei er auf einem Haufen Unrat und persönlichen Dingen sitzen geblieben, klagt der Hausbesitzer. Auf die Miete für acht Monate warte er bis heute.

Die 20-Jährige, die insgesamt fast ein Jahr lang bei der Familie gelebt haben soll, war beim Zuzug nach Haßmersheimalso schon in der Gewalt der Familie. „Nach meinen Informationen hat die Familie häufig ihren Wohnort gewechselt“, bestätigt der Haßmersheimer Bürgermeister Marcus Dietrich. Die Familie habe weder berufliche, noch verwandtschaftliche Beziehungen zum Ort. „Ich glaube, dass sie einfach auf Wohnungssuche war und hier fündig geworden ist.“

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