Welt : Wie eine Streichholzschachtel

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Von Sabine Heimgärtner, Paris

Die Nachricht kam in den frühen Morgenstunden und vielen blieb für Sekunden das Herz stehen. In der Nacht war ein Brand in der Pariser Botschaft von Israel ausgebrochen. Aus dem fünfstöckigen Gebäude schlugen aus allen Etagen meterhohe Flammen und beleuchteten die kleine Straße im 8. Pariser Stadtbezirk taghell. Kaum jemand, der nicht sofort an die Serie von Anschlägen auf jüdische Einrichtungen dachte, die Frankreich seit Beginn der zweiten Intifada vor eineinhalb Jahren erschüttert. Das historische Botschaftsgebäude in der Nachbarschaft des Elysee-Palastes war das am besten bewachte in ganz Frankreich. Die Sicherheitsvorkehrungen waren erst im April noch einmal verstärkt worden, nachdem die israelische Militäroffensive in den Palästinensergebieten eine neue Welle des Antisemitismus hervorgerufen hatte.

Brandanschläge auf Schulen und Synagogen, Übergriffe auf Einzelpersonen, Attentatsdrohungen gegen jüdische Einrichtungen: Frankreichs sechs Millionen Juden und mit ihnen die ganze Bevölkerung lebten seit Monaten mit der Angst.

Und nun brannte die israelische Botschaft, die größte und wichtigste nach der diplomatischen Vertretung Israels in den USA.

Fassungslos stand Israels Botschafter in Frankreich, Elie Barnavi, die ganze Nacht vor dem Gebäude und musste hilflos zusehen, wie seine Arbeitsstelle und die von hundert weiteren Botschaftsangehörigen Beute der Flammen wurde. Trotz des Schocks: Nach stundenlanger Ungewissheit zeigte sich Erleichterung in Barnavis Gesicht, als die Polizei vor dem völlig zerstörten Gebäude im Morgengrauen mitteilte, ein Attentat sei nahezu auszuschließen. Ein Kurzschluss soll das Feuer ausgelöst haben, in einer alten Küche im Erdgeschoss, die wegen Renovierungsarbeiten in der Botschaft vorübergehend als Abstellraum für Papierkartons genutzt wurde.

Lange fand der Botschafter vor den rauchenden Trümmern kaum Worte. „Das Haus brannte ab wie eine Streichholzschachtel. Unser gesamtes Gedächtnis ist zerstört, hunderte historischer Dokumente, das gesamte Archiv – alles ist den Flammen zum Opfer gefallen.“ „Fast vierzig Jahre Arbeit sind nun Schutt und Asche“, flüsterte den Tränen nahe eine Diplomatin. Die israelische Botschaft war in dem Haus in der Nähe des Prachtboulevards Champs-Elysee seit 1964 untergebracht.

Kurz vor zwei Uhr morgens war das Feuer ausgebrochen. Der Hausmeister wurde von beißendem Rauchgeruch wach und alarmierte sofort die Feuerwehr. Der bot sich schon nach wenigen Minuten ein Bild des Schreckens. „Der Brand breitete sich in unglaublicher Geschwindigkeit aus, die Flammen waren regelrecht gewalttätig, so stark, wie ich es selten gesehen habe“, berichtete der Einsatzleiter der Feuerwehr, Jean-Paul Proust. Augenzeugen bietet sich ein grauenhaftes Szenario: Steine fliegen, Fensterscheiben und Holzbalken krachen auf die Straße, meterhoch schlagen die Flammen aus allen Fenstern in den fünf Etagen.

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