Welt : Wie im Kino

Warum die Klassenkameraden stumm zugesehen haben

Sebastian Esser

Für das Opfer waren Mittwoch und Donnerstag die schlimmen Tage der Woche. Denn dann war Berufsschule und für den 17-Jährigen bedeutete das: Prügel. Seine Klassenkameraden setzten ihm einen Eimer auf den Kopf und schlugen mit Fäusten und Stöcken darauf ein. Er wurde nackt ausgezogen und gefilmt. Zurück blieben Blutergüsse und Prellungen am ganzen Körper. Alle wussten davon, niemand half. Warum schwieg eine ganze Klasse? Warum bemerkten Lehrer und Eltern nichts?

Die zwölf Hildesheimer Schüler absolvierten ein „Berufsvorbereitungsjahr“. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, hält die Atmosphäre in solchen Klassen für problematisch. „Sie bestehen oft aus Verlierern“, sagt Pfeiffer. „Die Jugendlichen haben meist keinen Schulabschluss und kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das bedeutet natürlich Frust hoch drei.“ Eine „Macho-Kultur“ nennt Pfeiffer das Klima in solchen Klassen: Die Schüler panzern sich gegen seelische Schmerzen, gegen die eigenen und die ihrer Klassenkameraden. Emotionen wie Mitleid werden als Schwäche ausgelegt. Wer petzt, könnte selbst das nächste Opfer sein.

Wenn der Teufelskreis des Schweigens geschlossen sei, trete eine Gewöhnung ein, teilte die Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer „Weißer Ring" mit. „Das Opfer gibt sich langsam auf und die Beobachter denken: ,wenn der sich das immer wieder gefallen lässt, kann es ja so schlimm nicht sein.’"Diese Passivität macht die Schüler zu Zuschauern des Schreckens – Gewalt wird langsam zur Normalität. Christian Pfeiffer macht auch eine „Medienverwahrlosung“ dafür verantwortlich: Mehr als der Hälfte dieser Jugendlichen gucken täglich Horror- und Gewaltfilme. Die Misshandlungen in Hildesheim wurden gefilmt, die Täter stellten die Videos ins Internet. Die Grenzen von Film und Realität verwischen.

„Für die Zuschauer ist es wie im Kino“, sagt Bettina Schubert, die Berliner Referentin für Gewaltprävention. Auch an allen Berliner Berufsschulen gibt es Berufsvorbereitungsklassen. Und auch hier gibt es grausame Fälle von Misshandlungen. „Das hat es immer gegeben, das wird es auch weiterhin geben“, glaubt Schubert. Seit etwa einem Jahr gibt es aber 15 Schulpsychologen, einer ist nur für die Berufsschulen zuständig.

Eltern merken oft nichts

Für Lehrer ist es schwierig, die Konflikte in der Klasse auszugleichen. Die Misshandlungen passieren oft im Verdeckten: auf dem Schulweg, in der Sport-Umkleide oder, wie in diesem Fall, in einem Werkraum. Auch die Eltern merken oft nichts. „Am besten können die Gleichaltrigen helfen, nicht die Eltern“, sagt Bettina Schubert. Nichtstun ist eine Straftat, nämlich unterlassene Hilfeleistung. Auch anonyme Hinweise an eine Vertauensperson oder die Polizei helfen.

Wer selbst zum Opfer wird, sollte sich an eine Vertrauensperson wenden: an Lehrer, den Arzt, den Pfarrer oder die Polizei. Oft schämen sich die Opfer und hoffen, dass die Angriffe aufhören, wenn sie schweigen. Doch das ist die falsche Strategie: Schweigen wird von den Tätern als Billigung verstanden. In einem Brief hat sich Bettina Schubert an die Schüler gewandt: „Sei klug: Sprich mit anderen, hol dir Hilfe. Gibt nicht auf!“

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