Welt : Wie im Krieg

New Orleans läuft voll, ganze Landstriche sind verwüstet. Plünderer schießen, Militär übernimmt das Kommando

Christoph von Marschall[Washington]

Der Hurrikan „Katrina“ ist längst weg, da fängt die Katastrophe richtig an. Die Stadt New Orleans ist nach einem Dammbruch vollgelaufen. Bis zu sieben Meter hoch steht das Wasser. Die noch in der Stadt verbliebenen 100000 Menschen sind in akuter Gefahr. Im Superdome, dem Riesenstadion mit Zehntausenden Gestrandeten, bahnt sich ein humanitäres Unglück an. In der Stadt sind Plünderer sind unterwegs, einige schießen.

Das Kriegsrecht ist verhängt, Militär übernimmt das Kommando. Das US-Verteidigungsministerium schickt laut „New York Times“ fünf Schiffe nach New Orleans, darunter die Landungsschiffe „USS Iwo Jima“ und „USS Bataan“. Mehr als 100000 Soldaten werden in das Gebiet geschickt. Sie sollen helfen, die Menschen in Sicherheit zu bringen und Lebensmittel verteilen. Armeeärzte und Sanitätspersonal übernehmen die Gesundheitsversorgung. Außerdem sollen die Soldaten die Ordnung wiederherstellen und weitere Plünderungen verhindern.

An den Hotels im French Quarter, dem Vergnügungsviertel von New Orleans, stehen bereits Soldaten. Doch sie brauchen Verstärkung. Die Nationalgarde von Louisiana steht nicht zur Verfügung. Sie ist in den Irak geschickt worden.

Der Hurrikan mag in seiner brutalen Gewalt furchtbar gewesen sein, noch grausamer aber sind die kalten, langsam aber unerbittlich nach allem Leben greifenden Wassermassen. So schlimm New Orleans während des Sturms dran war, noch schlechter erging es den kleineren Städten an Mississippis Südküste wie Gulfport und Biloxi. Die dramatische Wortwahl der Fernsehkommentatoren – „wie nach einem Tsunami“, wie „Hiroshima und Nagasaki“ nach dem Atombombenabwurf oder „wie in einem Bürgerkriegsgebiet“ –, war sie übertrieben? Ganze Viertel sind flachgelegt, Häuser bis aufs Fundament weggeschwemmt, Rauchsäulen sind mancherorts zu sehen und Schüsse zu hören.

In New Orleans gaben die Behörden die Aussicht auf, dass die Dagebliebenen die Flut in der Stadt überleben könnten und nur geduldig abwarten müssten, bis sie wieder trockengelegt sei. Der Strom war schon seit Montag ausgefallen, und nun war auch das Leitungswasser ungenießbar geworden, da die Fluten Trümmer, Müll und Chemikalien mit sich führten.

Die Gouverneurin von Louisiana, Kathleen Bianco, ordnete an, die Stadt komplett zu räumen, auch die letzten Krankenhäuser. Und den Superdome, in dem sich ein Drama abspielt. Das Riesenstadion ist eine letzte Zuflucht für alle, die dem Evakuierungsbefehl vom Montag nicht hatten folgen können – weil sie kein Auto haben oder kein Geld für eine Reise. Wie viele Menschen sich in die Arena mit ihren über 70 000 Sitzplätzen gerettet hatten, war immer noch nicht genau bekannt. Zwischen 10 000 und 30 000 schwankten die Angaben seit Beginn des Hurrikans, am Mittwoch war von 20 000 die Rede, die abtransportiert werden müssten, in der ganzen Stadt sollen es 100 000 Menschen sein. Es sind vor allem die Armen sowie die Alten und Gebrechlichen. Nach Polizeiangaben hatte es im Stadion nach drei Tagen auf engem Raum erste „Unruhen“ gegeben. Die meisten Toiletten waren inzwischen unbenutzbar, die Temperaturen lagen deutlich über 30 Grad, Teile des Daches hatte der Sturm zerstört, und nun stieg das Wasser in der Arena.

Die Fernsehsender zeigten Bilder zahlreicher Plünderer, die mit Trümmern die Schaufenster einwarfen und aus den Läden trugen, was die Arme fassen konnten. Es wurde auch von einzelnen Schießereien zwischen Nationalgardisten und Plünderern berichtet und von zahlreichen Autodiebstählen.

Nach Angaben des Roten Kreuzes ist die größte Hilfsaktion der Organisation in der Geschichte der USA gestartet worden. Mitarbeiter und Freiwillige sind unterwegs, um Trinkwasser, Nahrung und Sanitäranlagen zu liefern.

Die Gouverneurin sagte, einige Stadtviertel von New Orleans müssten vollständig neu aufgebaut werden. Das vielen Besuchern bekannte French Quarter ist von den Verwüstungen weniger betroffen.

Es wird vermutet, dass viele Menschen frühestens in drei oder vier Monaten in die Stadt zurückkehren können.

Die Lokalzeitung „The Times-Picayune“ produziert weiter Nachrichten, veröffentlicht Augenzeugenberichte und aktuelle Bilder. „New Orleans ist gerade dabei, sich wieder in das Sumpfgebiet zurückzuverwandeln, das hier früher war“, heißt es im Aufmacher vom Mittwoch. Einigermaßen trocken sei nur der höher gelegene Kern, an dem die Besiedlung einst begonnen hatte. Diese Berichte kann man via Internet lesen (www.nola.com). Ob die Zeitung auch gedruckt wird, ließ sich am Mittwoch nicht klären, unter den Telefonnummern war niemand erreichbar.

Monate werde der Wiederaufbau wohl dauern, sagt der verzweifelte Bürgermeister. Aber zunächst geht es um die Suche nach Überlebenden und ihre Rettung, dann um Notquartiere für alle, die Haus oder Wohnung verloren haben.

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