Welt : Wie Kartenhäuser fallen die Gebäude zusammen

CEYHAN (rtr).Erst bei Tagesanbruch am Sonntag wird das ganze Ausmaß der Verwüstungen sichtbar, das das verheerende Erdbeben in der südost-türkischen Stadt Ceyhan angerichtet hat.Wohnblocks sind in sich zusammengestürzt.Breite Risse durchziehen die Mauern, die noch stehen.Dort, wo einst die Minarette zweier Moscheen standen, liegen nur noch Trümmerhaufen.Im Stadtzentrum röhren die Motoren von Bergungsgerät.Helfer versuchen vorsichtig, sich in die Trümmer von Wohnhochhäusern vorzuarbeiten, die am Sonnabend durch das Beben der Stärke 6,3 wie Kartenhäuser in sich zusammengefallen sind.

Vor einem zerstörten Gebäude sagt ein Helfer, es bestehe keine Chance, da noch jemanden lebend herauszuholen.Er und seine Kollegen glaubten, daß noch neun Personen unter den Trümmern lägen.Sie sind mit Suchhunden die ganze Nacht durch im Einsatz gewesen.Ein Polizist spricht von sieben zusammengebrochenen Wohnblocks.

Die rund 35 Kilometer östlich gelegene Stadt Ceyhan ist am schlimmsten betroffen.An einem zerstörten Gebäude ruhen vorübergehend die Bergungsarbeiten, als die Leiche einer Frau aus den Trümmern gebracht und zu einem Krankenwagen getragen wird.Dann werden die Motoren wieder angeworfen.Auf der Straße stehen Sofas, Bücherkästen, Videogeräte und andere Haushaltsgegenstände, die aus den Trümmern gerettet werden konnten.Erschöpfte Anwohner sitzen unter dem klaren blauen Himmel und sprechen leise miteinander.

Ezgin Dopoglu schildert die Ereignisse: "Wir haben gerade in einem Keller Billard gespielt, als es passierte.Wir sind sofort nach draußen gestürmt.Die Straße bewegte sich wie ein Blatt im Wind", erzählt der junge Mann."Wir wußten nicht, wohin wir laufen sollten."

In den Gärten und auf dem Parkplatz eines Krankenhauses liegen Verletzte.Vor einer nahegelegenen Leichenhalle stehen Familien an, um nach vermißten Angehörigen zu suchen."Wir haben hier 44 Leichen.Drei sind noch nicht identifiziert", sagt ein Polizist.

Für einen Besuch von Staatspräsident Demirel, Ministerpräsident Yilmaz und Verteidigungsminister Sezgin wurden die Bergungsarbeiten kurze Zeit unterbrochen, was zu Protesten in der Bevölkerung führte."Ich habe drei Leute meines eigenen Bluts in den Trümmern", sagte ein Überlebender, Ibrahim Civelek."Aber die machen hier nur Politik."

Zu den Rettungsarbeiten wurden auch Sondereinheiten der Zivilverteidigung mit Spürhunden und besonderen Peilgeräten entsandt.Der Rote Halbmond schickte Zelte und Decken in die Unglücksregion.Mehrere Staaten, darunter Deutschland, boten ihre Hilfe an.Die Regierung in Ankara bildete einen Krisenstab.Viele der rund eine Million Einwohner Adanas hatten die Nacht aus Furcht vor Nachbeben im Freien verbracht.Die Stadt ist nach Istanbul, Ankara und Izmir die viertgrößte Stadt der Türkei.Die Erdstöße waren auch in den angrenzenden Provinzen zu spüren.

Hätte sich das Beben eine halbe Stunde später ereignet, wäre die Zahl der Opfer nach Einschätzung der Rettungsteams möglicherweise erheblich höher gewesen, weil zu diesem Zeitpunkt viele Menschen zu Hause das WM-Spiel Italien-Norwegen im Fernsehen verfolgten.

Die Türkei war zuletzt im Oktober 1995 von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden.Damals waren im westtürkischen Dinar mehr als hundert Menschen umgekommen.Das folgenschwerste Erdbeben in der Geschichte des Landes ereignete sich 1939 im östlichen Erzincan.Damals kamen 45 000 Menschen ums Leben.



Urlauber nicht betroffen



Urlauber sind nach bisherigen Angaben nicht betroffen.Die Bebenregion ist stark von Industrie geprägt.Die Urlaubsgebiete liegen zum Teil weit weg.Antalya beispielsweise ist etwa 400 Kilometer vom Zentrum des Bebens entfernt.JON HEMMING (rtr)/(Tsp/AFP)

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar