Welt : "Wie man in Berlin so lebt": In der Beamtendrillmaschine

Jan-Arne Sohns

"Oh Berlin, wie weit ab bist du von einer wirklichen Hauptstadt des deutschen Reiches!" Theodor Fontanes Urteil stammt aus dem Jahre 1875. Doch wie viele seiner von dem mittlerweile wohl bekanntesten Fontane-Herausgeber überhaupt, Gotthard Erler, versammelten Äußerungen zum Thema "Wie man in Berlin so lebt" klingen sie für unsere Ohren merkwürdig vertraut; preußische Verhältnisse scheinen sich oft gleich zu bleiben. Allzu aktuell, allzu passend auch auf heutige Grabenkämpfe sind die scharfsichtigen Beobachtungen des geschulten Wanderer-Dichters.

In einer Theaterkritik von 1871 beklagt er etwa die finanzielle Ausstattung des Königlichen Schauspielhauses und wischt alle Einwände mit der selbstsicheren Geste des hauptstädtischen Lobbyisten vom Tisch: "Soll dabei etwa von Geldrücksichten gesprochen werden, so berührt uns dies geradezu komisch. Diese dürfen in der neuen Kaiserstadt, einem solchen Institut gegenüber, gar nicht existieren." Im Rausch der unter preußischer Hegemonie frisch vollzogenen Reichsgründung dürfte sich kaum ein Zehetmair gefunden haben, der Fontane widersprochen hätte.

Die irritierende Flut neuer Bücher, in denen Berlin als Metropole apostrophiert wird, gleicht dem lauten Gesang des Furchtsamen im Wald. Sie schwemmte, kein Zweifel, auch "Wie man in Berlin so lebt" auf den Buchmarkt. Aus dem umfangreichem Werk seines Autors hat Gotthard Erler kurze Passagen ausgesucht, die sich mit Berlin und dem Leben in der jungen Reichshauptstadt befassen. Meist sind dies Briefzitate, Zeitungsartikel, autobiographische Schriften oder - was früher Umland war, ist häufig längst schon Stadtgebiet - die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Die Fundstücke sind eingeteilt in die Kapitel "Berlin und die Berliner", "Berliner Topographie" und "Fontane als Berliner".

Viel gibt es an dem Band zu bemängeln, der immerhin von einem der renommiertesten Fontane-Kenner und Herausgeber der ambitionierten "Großen Brandenburger Ausgabe" zusammen gestellt wurde. Da wäre die lieblose - oder einfach allzu knapp kalkulierte - Ausstattung des schmalen Büchleins: Ein historischer Stadtplan, Abbildungen, ausführlichere Anmerkungen und vor allem ein Register sind auch bei einem Band unerlässlich, der ein breites Publikum ansprechen soll.

Missen möchte man die neue Sammlung trotzdem nicht: legt sie doch in Fontanes Werk ein verborgenes städtisches Pendant der "Wanderungen" frei, viel schmaler zwar und oft nicht ganz ausgegoren, dafür aber voller Feuer und Herzblut eines wachen Zeitzeugen, der mehr als sechzig Jahren in der "Beamtendrillmaschine" Berlin lebte. Fontane, als Wanderer bekannt, erweist sich in dieser Textsammlung auch als Flaneur, in dessen Notizen der Aufstieg Berlins zur Großstadt lebendig wird.

Der Journalist und spätere Romancier erweist sich nicht nur als erwartungsgemäß sensibler Beobachter, sondern auch als wahres Lästermaul, das weder Belanglosigkeiten noch grobe Verallgemeinerungen scheut. Fontane, der Meister des abwägenden Urteils, der perspektivischen Anschauung, polemisiert munter drauflos in Apercus wie "Der Berliner spricht nur dann gut, wenn er (sehr ausnahmsweise) eine poetische Seele hat".

Besonders zuwider ist Fontane jeder spießbürgerliche Mangel an Weltläufigkeit. Indem er diesen permanent zeitkritisch anprangert, offenbart Fontane jedoch die eigene Beschränktheit, und das ist manchmal recht apart - es gelingt ihm keineswegs nicht immer, die Trennlinie zwischen sich selbst und den Spießbürgern mit ihrem hingebungsvollem "Spargelkultus" klar zu ziehen. Das "Blechgefäß" der kurz vor Sonnenaufgang beim italienischen Wirt mit einer Mischung aus Corpsgeist und weltbürgerlichem Habitus getrunkenen "Cioccolata" zum Beispiel beschreibt Fontane als "gänzlich unberaubt jener Ornamentik von Spritzflecken und braunen Rinnen, die das rasende Quirlen mit sich gebracht hatte". Die Detailgenauigkeit des Realisten - hier wirkt sie wie eine Selbstparodie.

Fontanes "Beobachtungen und Betrachtungen aus der Hauptstadt" legen Zeugnis ab von der bislang wenig beachteten Sensibilität des Dichters für die mit der Industrialisierung und Modernisierung in Kaiserreich und Gründerzeit rasant einhergehenden Veränderungen. Am meisten beeindruckt ihn die von 1874 bis 1882 gebaute Stadtbahn, "weil sie dem Ganzen eine neue Physiognomie gegeben hat".

Fontane schätzt das Nahverkehrsmittel auch aus ästhetischen Gründen: "In langem Staunen sah ich die Stadtbahn entstehn. Ich sah sie mit ihren kerbungsreichen Bogenviadukten wie eine riesige Raupe über die Hauptstadt kriechen".

Für das Zeitalter typisch, verklärt der poetische Realist die technische Neuerung, die sich verändernde Stadt, in einem Naturvergleich und versucht so, sie in die geläufige Vorstellungswelt hinein zu zwingen.

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