Welt : Wie nach dem Tsunami

Der Zyklon „Nargis“ hat in Birma komplette Familien ausgelöscht/ Hunderttausende sind nach der Katastrophe obdachlos

Rangun - Die dreieinhalb Meter hohe Flutwelle hat sie überrascht. Die Familie von Myo Sandar Tun hatte sich vor dem Zyklon gerade auf das Dach eines Lagerhauses in Labutta im Irrawaddy-Delta gerettet. Doch dann kamen die Wassermassen, die sie fortrissen. Etwa 50 Verwandte hat die Birmanin durch den Zyklon „Nargis“ verloren, darunter ihre Mutter und ihren Großvater. Erst nach Tagen erfuhr sie vom Schicksal ihrer Angehörigen. Nur ein Überlebender sei gefunden worden. „Die anderen waren weg“, erzählt die 32-Jährige in der Hafenmetropole Rangun.

Es ist ähnlich wie beim Tsunami. Jeden Tag gibt es für die Menschen neue Hiobsbotschaften. Nur 30 Kilometer von Rangun entfernt beginnt das Grauen. Leichen treiben in Reisfeldern, im Katastrophengebiet sollen sich die Toten an den Stränden türmen und in Bäumen hängen. Nur wenig ist über die Lage im Irrawaddy-Delta bekannt. „Ich denke, was wir in den Medien sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Birke Herzbruch, Koordinatorin der Hilfsorganisation Malteser International. Umso schlimmer ist es für die Helfer, dass sie immer noch nur schwer ins Katastrophengebiet kommen. Die Behörden verweigern die nötigen Reisegenehmigungen. Der Druck auf das Militärregime wächst. Viele Hilfskräfte warten im Ausland weiter auf ein Visum. Wenn sie es ins Land geschafft haben, ist ihre Bewegungsfreiheit extrem eingeschränkt. Da wirkt es wie Hohn, wenn das Staatsblatt „Neues Licht von Birma“ am Freitag neben Fotos von Lebensmitteltransporten einen Dank an die internationalen Organisationen für die Hilfe in der Not abdruckt. In Rangun sind die Aufräumarbeiten zwar vorangeschritten. „Aber auch hier gibt es Gegenden mit Menschen, die immer noch auf Hilfe warten“, sagt Herzbruch.

Die Zeit drängt: 120 000 Flüchtlinge harren allein in der Stadt Labutta aus. „Die Leute haben keine Kraft mehr“, sagt Joakim Cotting von der Hilfsorganisation Adra, die zusammen mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen im Krisengebiet Lebensmittel verteilt. Es geht ums nackte Überleben. Die Menschen müssen sich fürs Erste mit einfachen Plastikplanen begnügen. Wie hoch die Zahl der Toten wirklich ist, wird man wohl nie genau wissen. Myo Sandar Tun, die ihre Familienangehörigen noch nicht einmal begraben kann, hat trotz ihres Schicksals die Kraft gefunden, zur Arbeit zurückzukehren. Nun hilft sie selbst Menschen in Not.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat unterdessen angekündigt, mehrere deutsche Experten und eine mobile Trinkwasseranlage in das Katastrophengebiet zu schicken. „Wir sind mit dem Roten Kreuz im Land vertreten, und unsere Maßnahmen und unsere Helfer ergänzen und verstärken den Einsatz der Einheimischen dort“, sagte DRK-Sprecherin Svenja Koch am Freitag in Berlin. Der Transport werde vermutlich am kommenden Donnerstag am Flughafen Berlin- Schönefeld starten. Die Anlage, die das Rote Kreuz in Birma angefordert habe, könne täglich bis zu 15 000 Menschen mit Wasser versorgen, sagte Koch. „Wir werden deutsche Experten mitschicken.“ Zwei bis sechs Fachkräfte bauten die Anlage auf, damit sie fachgerecht betrieben werden könne. „Man unterschätzt, was die Leute vor Ort leisten“, betonte Koch. „Wir freuen uns, wenn wir sie entlasten können.“ Das Rote Kreuz hat nach eigenen Angaben ein Netz von mehr als 10 000 freiwilligen Helfern in Birma. Aus Lagerhäusern im Land seien bislang mehr als 4000 Pakete mit Kleidung, Decken, Moskitonetzen, Handtüchern, Seife und Kochutensilien verteilt worden, hieß es. Laut Koch appelliert das DRK an die Regierung in Birma, „ausländische Hilfe schnell und unbürokratisch ins Land zu lassen“. In den Nachbarstaaten Birmas sitzen weiter hunderte Katastrophenhelfer fest, weil sie keine Einreisegenehmigungen bekommen. dpa

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