Welt : Wie starb Tutanchamun?

Pharao wird per Computertomographie untersucht

Michael Zick

Die letzte Letzte Ruhe des Pharao dauerte nur 37 Jahre: Am vergangenen Donnerstag hob der ägyptische Chefarchäologe Zahi Hawass die Mumie des Tutanchamun aus seinem Steinsarg in einen Computertomographen. Dabei versprach er auch die Klärung der Spekulationen um den Tod des jugendlichen Pharao – war es Mord? 1968 wurde beim Röntgen ein Knochensplitter im Hinterhaupt der Mumie entdeckt. Auch der Göttinger Paläopathologe Michael Schultz will Mord nicht ausschließen. Der auf uralte Knochen spezialisierte Anatomie- Professor diagnostiziert aus diesen Röntgenaufnahmen „eine merkwürdige Wunde am Hinterkopf“ und nimmt an, dass dort ein etwa „drei Zentimeter großes Stück Knochen komplett fehlt“. Und Nicholas Reeves, britischer Archäologe und Enfant terrible der internationalen Ägyptologie, hält Meuchelmord am altägyptischen Pharaonenhof für durchaus möglich. Er kann „den Verdacht eines Verbrechens nur schwer abschütteln.“

Dem widerspricht Sylvia Schoske: „Da ist nichts dran.“ Die Direktorin des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst in München verweist darauf, dass die altägyptischen Pharaonen eine Lebensversicherung der besonderen Art hatten: „Man brauchte den Pharao als Garant für Ordnung und Gerechtigkeit, den Grundpfeilern ägyptischer Weltordung.“ Er war dafür verantwortlich, dass die Sonne am Himmel und das Chaos ausblieb.

Als Tutanchamun vor 3349 Jahren in einem etwas notdürftigen Grab beigesetzt wurde, herrschte nach Meinung einiger das Chaos. Das Neue Reich schleuderte zwischen vorwärtsdrängenden Ideen des Königshofes und restaurativen Bestrebungen in Verwaltung, Militär und Priesterschaft hin und her. Mit Amenophis IV., alias Echnaton, hatten die Unordentlichkeiten begonnen. Der König überforderte sein Volk mit einer Kulturrevolution und proklamierte den Sonnengott Aton zum alleinigen Himmelsherrn. Über seine Todesumstände und die seiner schönen Gemahlin Nofretete ist nichts bekannt, ihre Mumien wurden nicht gefunden. Nach einem Zwischenspiel des Pharao Semenchkare wurde Tutanchamun vermutlich als achtjähriges Kind auf den Thron gesetzt.

Die Revolution wurde gestoppt, doch nach nur etwa zehn Jahren starb der junge König plötzlich. Die folgende Restauration tilgte ihn, seinen Vorgänger und seinen Nachfolger aus den Königslisten, über 3000 Jahre verschwanden sie aus der Historie. Erst 1922 entdeckte der britische Archäologe Howard Carter das Tutanchamun-Grab – das einzige intakte Pharaonengrab, überquellend mit Prunk, vollgestopft mit Edelsteinen und goldenen Gaben. Die Sensation bekam auch durch das jugendliche Alter des Königs bei seinem Tod einen gefühligen Charakter – Tutanchamun wurde Kult. Er ist bis heute ein König fürs Herz. Nun will man auch wissen, wie er zu Tode kam. 1700 Einzelbilder aus dem Computertomographen sollen das Geheimnis lüften. Die Möglichkeit, Gewebe, Haut und Knochen einzeln als 3-D-Simulation darzustellen, verspricht neue Erkenntnisse.

„Das Potential des CT darf bei einer so hochbrisanten Geschichte wie Tutanchamun nicht ungenutzt bleiben“, meint auch Professor Dietrich Wildung, Chef des Ägyptischen Museums in Berlin. Er würde, „wenn ich schon mal spekuliere“, auch gern erfahren, ob bei Tutanchamun krankhafte Knochenveränderungen nachweisbar sind. Denn der jugendliche König ist oft mit einer Krücke abgebildet, in seinem Grab fand sich ein Dutzend schulterhoher Stöcke mit Polster. „Da könnte sich wirklich was Neues ergeben.“ In drei Wochen will der ägyptische Altertümer-Chef Hawass seine erste Diagnose vorlegen.

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