Welt : Wie viel Drängeln ist erlaubt?

Neun Fragen zum Thema Rasen auf der Autobahn

Gideon Heimann

Autobahnen sind die sichersten Verkehrswege: Pro einer Milliarde Kilometer Fahrleistung zählt die Statistik hier sieben Tote, innerorts sind es 17 und auf Landstraßen 27. Diese relative Sicherheit auf den Autobahnen bleibt aber nur dann gewährleistet, wenn bestimmte Spielregeln eingehalten werden. Denn auch auf den Straßen ohne Tempolimit ist nicht alles erlaubt. Im Gegenteil – manches, was sich in die Alltagspraxis eingeschlichen hat – der zu geringe Abstand etwa – stellt eigentlich schon eine Ordnungswidrigkeit dar.

Wie groß ist der Bremsweg?

Während sich die Tachoanzeige linear erhöht, also zum Beispiel von 50 auf 60 km/h, wächst der Bremsweg quadratisch: Einer alten Faustregel zufolge nimmt man zur Berechnung ein Zehntel des Tachowertes und multipliziert es mit sich. Aus 30 km/h errechnet sich ein Bremsweg von neun Metern, aus 50 km/h sind es schon 25 Meter, aus 100 km/h werden 100 Meter. Moderne Bremsanlagen erreichen weit bessere Verzögerungswerte (aus 100 km/h etwa 50 Meter), die physikalische Grundregel jedoch können sie nicht außer Kraft setzen.

Worin liegt die Gefahr?

Die größte Gefahr auf den „Nur-Auto-Straßen“, wie die Autobahnen in den Jahren ihres Entstehens genannt wurden, sind die Geschwindigkeitsdifferenzen. Schließlich müssen Verkehrsteilnehmer die Chance haben, sich gegenseitig wahrzunehmen. Wer aber 80, 100 und mehr km/h schneller fährt als jene, die er überholt, ist von ihnen auch nur mit äußerster Konzentration auszumachen.

100 Kilometer pro Stunde, das sind knapp 28 Meter pro Sekunde: In zwei bis drei Sekunden wächst für den Langsameren aus dem Nichts ein den Rückspiegel füllendes Fahrzeug heran. Dessen Fahrer mag es gar nicht drängelnd gemeint haben, er wirkt dennoch als plötzliche Bedrohung.

Was besagt die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h?

Der deutsche Gesetzgeber hat auf den Autobahnen kein generelles Tempolimit einführen wollen. Aus Gründen der Verkehrssicherheit oder des Lärm- und Umweltschutzes gibt es allerdings auf etwa der Hälfte der gut 12 000 Autobahnkilometer Geschwindigkeitsbegrenzungen. Die sonst auf „freien“ Strecken geltende Richtgeschwindigkeit von 130 km/h ist als mahnender Zeigefinger gemeint, es bei diesem Tachowert zu belassen. Die Überschreitung wird aber nicht geahndet. Jedenfalls nicht verkehrsrechtlich.

Wer rast, ist immer mit Schuld

Anders sieht das aus, wenn ein Unfall geschieht, der von den Versicherungen reguliert werden soll. Hier kommt der Begriff der „Betriebsgefahr“ hinzu. Sprich: Jedes Auto stellt – unabhängig von der tatsächlichen Schuldfrage – ein Risiko dar. Und dafür muss der Halter einstehen.

Im Normalfall sind das 20 bis 30 Prozent Anteil, zum Beispiel bei Kollisionen an Rechts-vor-links-Kreuzungen, berichtet der Berliner Verkehrsrechtsanwalt Carsten Hoenig. Autobahnraser jedoch vergrößern mit jeder Erhöhung ihres Tempos über die 130er-Marke hinaus ihren Haftungsanteil aus der Betriebsgefahr.

Ist Rechtsfahren Pflicht?

Überall, auf Autobahnen ganz besonders. Wer dort ohne Grund auf der linken Spur dahinrollt und andere behindert, riskiert einen „Punkt“ in der Flensburger Verkehrssünderkartei sowie ein Bußgeld von 40 Euro. Wer andere damit „belehren“ will, muss aufpassen: Gibt es auf der Strecke ein Tempolimit und fährt der Linksfahrer langsamer, kann das zur Nötigung werden, das ist keine Ordnungswidrigkeit mehr, sondern ein Straftatbestand.

Hans-Jürgen Gebhardt, Vizepräsident des Deutschen Verkehrsgerichtstages, verweist aber auch auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs: Bleibt der ohne Grund links Fahrende am Tempolimit, ist das nur ein einfacher Verstoß gegen das Rechtsfahrgebot.

Darf man Drängler „ausbremsen“?

Keinesfalls, denn das ist ein „gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr“. Das kostet fast immer die Fahrerlaubnis, denn ein solches Verhalten wird von der Strafwürdigkeit her so schwer gewertet wie Trunkenheit am Steuer, sagt Gebhardt. Schließlich wird hierbei das Auto als „Werkzeug der Erziehung“ anderer Verkehrsteilnehmer benutzt.

Auch das geht weit über den Rahmen einer Ordnungswidrigkeit hinaus: Hoenig verweist auf einen Fall, bei dem es zu einer Eskalation zwischen einem Auto- und einem Motorradfahrer gekommen ist. Der Zweiradfahrer wurde dabei schwer verletzt. Der Autofahrer wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Was tun bei langsamen Linksfahrern?

Drängeln ist verboten. Nur ein zartes Zupfen an der Lichthupe ist außerorts erlaubt. Rechts überholen nicht (50 Euro Bußgeld, drei Punkte) und dichtes Auffahren erst recht nicht.

Wie „teuer“ wird Drängeln?

Das Nichteinhalten des Sicherheitsabstandes wird nach einer Staffelung geahndet, die von der geschrumpften Distanz zum Vordermann abhängt. Vorschrift ist eigentlich der halbe Tachowert in Metern – bei 100 km/h sind das 50 Meter. Da das in der Praxis aber kaum einzuhalten ist, wird’s erst bei der Hälfte des Vorschriftswertes gefährlich, also bei weniger als 25 Metern. „Das kann bis auf 150 Euro Bußgeld, vier Punkte und einen Monat Fahrverbot hinauslaufen“, sagt Rechtsanwalt Hoenig. Ist der Delinquent deshalb zuvor schon aufgefallen oder war’s Vorsatz, wird es noch teurer.

Wann darf man rechts vorbeifahren?

Im Kolonnenverkehr rollen die Autos so schnell, wie es auf den Fahrspuren geht. Und da lässt es sich nicht verhindern, dass man bisweilen an einem Nebenmann rechts vorbeifährt. Doch dürfen die Kolonnen nicht schneller als 80 km/h sein und die Differenzgeschwindigkeit darf 20 km/h nicht überschreiten, sagt Gebhardt.

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