Welt : Wie wird man Puffmutter?

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Von Jana Simon

Die Frühschicht dämmert auf einer schwarzen Ledercouch. Die Frauen warten. Die meiste Zeit warten sie. Darauf, dass ein Mann vorbeischaut und sie erwählt, darauf, dass die Langeweile ein Ende hat. Rubina, die Schwarze, hat eine karierte Wolldecke um ihre nackte Hüfte gewickelt, sie häkelt ein weißes Tischtuch für zu Hause. Tanja, die Blonde mit den langen Locken und dem osteuropäischen Akzent, bedeckt ihren roten Tangaslip mit einem bunten Frotteehandtuch, ihre Füße hat sie in Plateau-Turnschuhen begraben, Heidi mit den kurzen rotgefärbten Haaren und der Brille sieht aus, als habe sie vor wenigen Minuten noch Akten in irgendeinem Amt geschichtet, und Kerstin mit dem schwarzen Body und den halterlosen Strümpfen hält Karten in der Rechten. Es ist früher Nachmittag, die Huren spielen Skat.

Elke, die Chefin, beobachtet sie von ihrem Tisch aus, ab und zu erklärt sie die Regeln. „Es gibt viele, die im Puff Skat gelernt haben“, sagt sie. Manchmal denken sie sich komplizierte Wörter aus gegen die Trägheit, die sie umhüllt und in das Sofa drückt. Die Banalität der Erotik. Elke raucht, liest die Anzeigen der Konkurrenz in der „BZ“. Sie trägt ein buntes langes Kleid. Wenn die Sonne scheint, kann man die Umrisse ihres Körpers erahnen, ihre dunklen Haare reichen bis zu den Schultern, sie hat sie auf Fülle toupiert, unter den Augen glänzt ein feiner Kajalstrich. Elke ist 38 und seit sieben Jahren Herrin des „Freudenhaus Hase“ in Wedding, linker Seitenflügel, drei Etagen, sechs Zimmer, 15 bis 17 Frauen.

Sie sitzt im Aufenthaltszimmer der Huren, dem „Allerheiligsten“, wie sie es nennt. Die Wände schimmern gelblich, ein bunter Teppich liegt auf dem Boden, lilafarbene Schließfächer stehen rechts neben der Tür, darauf ruhen Küchentücher in Familienpackungen, die Haushaltsrollen warten auch in jedem Zimmer neben dem Bett. Links neben Elke hängt eine Tafel, auf ihr stehen in orangefarbener und gelber Kreide die Wochentage und darunter die n der Frauen, die Dienst haben. Wenn eine krank ist, wischt Elke den Namen mit einem Schwamm weg.

Die Mädchen reden nicht viel, ab und zu knallt eine Karte auf den Tisch. Im Fernsehen läuft „Schlegl“, eine Nachmittagstalkshow, keiner schaut hin. Die Langeweile tötet Gedanken. Seit Anfang des Jahres erscheint jeder Freier wie ein Geschenk, das die betäubende Eintönigkeit unterbricht, der Euro hat die Lust besiegt.

Es läutet an der Tür. Elke steht auf und säuselt „einen schönen guten Tag“ in die Sprechanlage. Die Frauen drücken sich aus dem Sofa, werfen die Handtücher und Decken von sich, richten ihre Haare vor dem Spiegel, streifen Turnschuhe und Pantoffeln ab, und ihre Füße fahren in hochhackige Pumps, die aussehen, als würde man in ihnen keine Straßenkreuzung überleben. Schuhe sind wichtig, sagt Elke. „Barfuß geht mir hier keine Frau raus. Das ist unprofessionell.“ Im Notfall kann man sie dem Freier zwischen die Beine rammen. Rubina, Tanja, Heidi und Kerstin reihen sich hinter der Tür auf und versuchen, den Gast im Treppenhaus zu erspähen. Es ist ein bisschen wie vor einer Theatervorführung in der Schule. Ein Mann tritt auf, die Mädchen kichern. Die Inszenierung ist perfekt.

Der Freier kommt im ersten Stock an. Elke begrüßt ihn, danach tänzeln die Frauen nacheinander ins Nebenzimmer. Es ist der entscheidende Moment im Leben einer Prostituierten, der kurze Augenblick, der darüber entscheidet, ob sie gleich Geld verdienen wird oder nicht. Die Präsentation ihres Körpers. Die Frauen sagen kurz ihren Namen, lächeln, manche drehen sich einmal um sich selbst. Diesmal scheint der Freier nicht gut zu riechen. Tanja hält sich die Nase zu, als sie aus dem Zimmer geht. Am Ende wählt der Mann Kerstin mit den halterlosen Strümpfen. Elke fragt sie: „Was machst du?“ „Eine Stunde“, antwortet Kerstin. „Oh“, stöhnen die anderen neidisch. Eine Stunde ist gut, das bringt 80 Euro. Ein „Quickie“, 15 Minuten, kostet nur 30 Euro. Wie viel Elke davon bekommt, sagt sie nicht, es ist weniger als die Hälfte.

Es fing an mit einem Groschenroman

Wie muss man sein, wenn man vom Sex anderer lebt? Elke hat früher jahrelang selbst angeschafft, jetzt führt sie „ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen“. Ihre Stimme klingt ein bisschen zu hoch. Sie beobachtet ihr Gegenüber genau, prüft, wie ihre Antwort ankommt, erwartet Widerspruch. Sie macht Gewinn und Verlust, in letzter Zeit mehr Verlust, wie überall.

Das Klischee sagt: Prostituierte werden von schlagenden Zuhältern gezwungen, ihre Körper zu verkaufen. Sie sind unglücklich und warten nur auf eine Gelegenheit, um aus dem Puff zu fliehen. Elke spielt in dieser Geschichte den Gegenpart. „Ich biete eine Dienstleistung an“, sagt sie. Ihre Frauen sind freiwillig da, jede von ihnen könnte etwas anderes machen. Sie würde dann nur nicht so viel verdienen. Alles ganz gewöhnlich, völlig harmlos. Wirklich. Elke wirkt wie eine PR-Frau, die immer an den Stellen laut lacht, an denen es um die Mängel ihres Produktes geht. Oder ist das auch nur Einbildung?

Als Teenager versenkt sich Elke in die Hefte aus der Reihe „Rote Laterne“, dünne Groschenromane. Eine Freundin ihrer Mutter hat sie ihr geborgt. Sie tragen Titel wie „Die heimliche Dirne“, „Heiße Nächte in Mombasa“ oder „Ein Callgirl geht aufs Land“, die Frauen auf dem Cover haben sehr wenig an. Meistens spielen Prostituierte darin die tragenden Rollen: Keine der Frauen im Dorf konnte mit ihnen konkurrieren, denn sie waren stets sehr modisch und sehr elegant gekleidet. Manch eine seufzte sogar heimlich und dachte: Die machen es richtig. Die haben etwas von ihrem Leben. „Die Geschichten hatten so etwas Aufregendes, Verruchtes“, sagt Elke. Sie träumt sich fort, in die Arme fremder Jünglinge. Vielleicht ist das Leben ein Märchen.

Im Groschenroman werden die Huren am Ende immer von einem Traumprinzen gerettet. Was Elke heute nicht mehr so gefällt, denn das hieße, dass ihr Beruf etwas Zerstörerisches hätte, vor dem man beschützt werden müsste. Damals sind die Hefte eine Flucht aus der bürgerlichen Welt ihrer Eltern in einer Großstadt im Westen Deutschlands. Ihr Vater arbeitet bei der Justiz, die Mutter ist Sekretärin, jeden Mittag und jeden Abend gibt es eine warme Mahlzeit. Das Leben scheint vorhersehbar bis zum Tod. Keine Spannung, nirgends. Mädchen sollen artig sein und unschuldig. Elke lacht, sie fasst die Vorstellungen aus ihrer Kindheit in zwei Worten zusammen: „das Patriarchat“. Aber darüber denkt sie schon lange nicht mehr nach, sie sieht die Männer jeden Tag, und ihre Frauen bestimmen darüber, wann sie einen Orgasmus haben und wann nicht. Elke glaubt an diese Macht, in ihrer Welt ist es das Entscheidende.

Kerstin steht breitbeinig in der Mitte des Raumes und löffelt sehr langsam eine Fünf-Minuten-Terrine. Sie scheint keine große Lust zu haben, zu dem Freier nach oben zu gehen. Sie sagt, sie nimmt ihr Handy mit aufs Zimmer, sie will sich den Wecker stellen. „Sonst schlafe ich ein.“ Die anderen kichern. Tanja, die Osteuropäerin, fragt sie: „Was machst du, wenn dein Mann anruft?“ Elke lacht laut. „Sagst du dann, du, Schatz, ich kann gerade nicht, ich habe den Mund voll?“ Tanjas Mann weiß, was sie macht, aber die Einzelheiten behält sie lieber für sich. „Ich erzähle ihm am Abend nicht, heute hatte ich soundsoviele.“ Vielleicht ist es ihm ohnehin egal. Tanja schwärmt für große blonde „Schnucklige“ und für Prinz Charles. „Da würde ich nicht mehr hier sitzen.“ Elke mag es nicht, wenn Freier zu schön sind. „Dann findet man sich selbst nicht mehr so perfekt“, sagt sie. Die Frauen ziehen ihre Bäuche ein und versuchen, ihre Schwangerschaftsstreifen zu verbergen. Es ist besser, wenn sie sich erhaben fühlen können. So sind sie unberührbar.

Kerstin hat die Fünf-Minuten-Terrine geschafft, sie reibt ihre Haut mit Babyöl ein, nimmt zwei Kondome aus dem Glas im Regal und verschwindet. Tanja schaut ihr nach und fragt: „Wo sind die Türken heute?“ Die mögen Blondinen, die „griffig“ sind. Obwohl – viele Ausländer wollen ohne Gummi. Elke, die Chefin, besteht auf Safer Sex. Überhaupt wünschen die Männer immer mehr Zuwendung, Zärtlichkeiten, wollen immer öfter küssen, was im Freudenhaus Hase keine Frau macht. Wie soll man Küsse abrechnen? In dieser Welt, in der jede Handbewegung einen festen Preis hat, gibt es keine Zahl, die den Kuss beschreibt. Der Kuss ist das letzte Überbleibsel der Romantik. Die letzte Grenze, die das Private vom Professionellen trennt. „Verkehr ist leichter“, sagt Elke. Dabei kann man sich abwenden, wegsehen, an etwas anderes denken. Küsse sind zu intim. Obwohl inzwischen auch das immer mehr Frauen anbieten, weil es in Berlin immer mehr Prostituierte gibt, zwischen 8000 und 10 000, und immer weniger Freier mit Geld.

Tanja und Elke stellen sich vor, wie es wäre, wenn es Männerbordelle gäbe. Sie phantasieren, wie sie die Herren herumkommandieren würden: „Kannst du dich mal ein bisschen drehen.“ „Wie groß wird er denn?“ „Zeig mal deine Zunge.“ Ihre Oberkörper wippen vor Lachen auf und ab. Elke hält inne. „Nee, ich würde mich nicht gern bedienen lassen“, sagt sie in die Stille. Sie ist lieber diejenige, die die Macht hat. Oder die Illusion, denn die Freier wiederum denken, dass sie bestimmen. Prostitution erscheint wie ein Kräftemessen der Geschlechter, bei dem beide Seiten glauben, Sieger zu sein.

Elke raucht zwei Schachteln Marlboro am Tag. Die Starken. Sie redet schnell, sagt selten „ich“ und oft „man“, viele Sätze enden im Ungewissen. Alles Persönliche hält sie vage. Sicher ist, dass Elke nach der zehnten Klasse eine Ausbildung zur Kindererzieherin macht. In den Ferien passt sie auf das Kind einer Bekannten auf. Merkwürdige Männer rufen dort an, die sie seltsame Dinge fragen. Die Bekannte verschwindet mit ihnen im Keller. Elke hat eine Ahnung. Als sie 16 ist, fragt die Bekannte, ob sie „auch etwas mit Männern machen würde“. Elke sagt ja. Warum, weiß sie selbst nicht, es scheint aufregend, und sie bewundert die Ältere. „Du bist noch zu jung, komm in ein paar Jahren wieder“, sagt die Frau. Zwei Jahre später ruft sie bei Elke an.

„Das erste Mal war schön“, sagt Elke. Der Mann ist viel älter als sie, die Haare schon grau. Sie ist 19, er sitzt ihr gegenüber auf dem Bett, sie hat keine Ahnung, was jetzt folgen wird. „Intim“ solle sie mit ihm sein, hat ihre Bekannte gesagt. Was bedeutet intim? Elke ist unsicher, versucht, sich auf den Teppich zu konzentrieren, sie kennt diesen Mann doch nicht. Irgendetwas muss schließlich geschehen sein, sie erinnert sich nicht mehr so genau. Elke erinnert sich oft nicht mehr genau, wenn es wichtig wird, die Dinge verschwinden im Nebulösen. Sie lacht dann zu laut, es ist ein abwehrendes Lachen, das signalisiert, dass das Thema gewechselt werden soll. Damals hält sie nach einer Stunde 200 Mark in der Hand. „Es war richtig gut“, sagt sie. „Der hat sogar verlängert.“ Sie klingt wie die Figur aus einem „Rote-Laterne“-Heft: Die Sache ist nämlich die, Natascha hat Spaß daran. Ja, das ist ihr ganzes Geheimnis. Sie liebt die Männer wirklich.

Manchmal ändert sich das Leben innerhalb weniger Augenblicke. Die Hälfte ihres Lohnes gibt Elke der Bekannten. Das ärgert sie ein bisschen. Vielleicht denkt sie da schon darüber nach, wie es wäre, wenn sie alles behalten könnte, wenn sie selbst Chefin wäre. Vielleicht ist die Antwort auf die Frage „Wie wird man Puffmutter?“ sehr einfach.

„Meine Freundin, die Hure“

Am Anfang begreift sich Elke als Teil der Frauenbewegung, sie ist für die sexuelle Revolution und liest die Zeitschrift „Emma“. Diese Liebe endet früh. Sie merkt schnell, wie die anderen Frauen sie betrachten – feindselig und mitleidig. Alice Schwarzer bezeichnet Huren in Elkes Lieblingszeitschrift als „Verräterinnen“, als Ausbeutungs- und Lustobjekte der Männer. „Ich mag Männer und Sex“, sagt Elke jetzt. Es klingt routiniert, so als hätte sie diesen Satz schon sehr oft wiederholt, ihn jedem von außen entgegengeschleudert, damit jegliche Zweifel verstummen, auch die eigenen. Wahrscheinlich ist es nicht immer ganz so einfach, so unkompliziert. Sonst könnte sie ihren Nachnamen sagen, und auch ein Foto wäre dann kein Problem. „Eine Zeit lang hatte ich Schwierigkeiten mit meiner eigenen Moral“, sagt sie. Überlegte, ob sie schlecht sei, eine verdorbene Frau, die ganz unten in der gesellschaftlichen Hierarchie gelandet ist.

Zu Beginn weiß niemand von ihrem neuen Job, nicht die Familie, nicht die Freunde. Mal mimt sie die Telefonistin, mal die Putzfrau, oder sie betreut imaginäre Kinder. „Es war keine gute Zeit“, sagt sie. Das Doppelleben verstört. Bis heute mag sie sich nicht an die Lügen erinnern. Sie schaut weg, raucht stumm. Als sie sich schließlich ihren Freunden offenbart, finden es manche schick, sie mit dem Satz vorzustellen: „Das ist meine Freundin Elke, die Hure.“ Andere denken, sie müsse jedem gefällig sein, und ihre Freundinnen fürchten um ihre Männer. Es bleiben nicht viele alte Freunde übrig. „Diskriminierung tut weh“, sagt sie. Es ist ein starker Satz, Elke weiß das und lauscht angespannt seinem Klang hinterher, als erwarte sie einen Gegenangriff, eine neue Verletzung, die sie abwehren muss.

Vor einigen Jahren erzählt sie es ihren Eltern. Zu Weihnachten. Für Elke ist es eine grausame Erleichterung. Die Eltern fangen an zu weinen, machen sich Vorwürfe. Für sie bedeutet es Versagen. Auf Familienfeiern gibt Elke bis heute die Erzieherin. Sie hat keine Lust auf Fragen. „Von manchen werde ich sowieso nie Anerkennung bekommen.“ Ihre Eltern bemühen sich, die Wahrheit zu akzeptieren. Ihr Vater fragt sie aber immer noch manchmal: „Mensch, Kind, warum machste keine Boutique auf?“

16 Uhr, die Abendschicht beginnt. Tanja zieht ihre Jogginghose über, Rubina, die Schwarze, ist fast mit ihrer Tischdecke fertig geworden. Im Fernsehen redet der Talkmaster über größere Brüste dank Suggestion. Das Telefon klingelt jetzt öfter. „Tut mir Leid, Isabella hat ihre Tage“, sagt Elke in den Hörer. Eine andere Frau meldet sich krank, Elke löscht ihren Namen von der Tafel. Seit Januar gilt Prostitution nicht mehr als sittenwidrig, Elke könnte ihre Frauen jetzt offiziell einstellen. Sie findet das gut, nur wie es funktionieren soll, weiß sie nicht. Elke müsste Sozialabgaben zahlen. Und wie hoch ist die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? „Ich muss dann aufpassen, dass sie nicht faul werden und andere die Beine für sie mit breit machen müssen“, sagt sie. Tanja meint, dass kein Amt wisse, was es mit den Prostituierten anfangen soll. Und welche Hure will sich schon anmelden und der ganzen Welt verkünden, was sie macht. Vielleicht ist es unmöglich, einen Tabubereich zu regeln. Weil er vom Reiz des Heimlichen, des Verbotenen lebt.

Tanja packt ihre Sachen und verschwindet. Mareike kommt, sie trägt ein T-Shirt mit rotem Stern und hält einen Motorradhelm unterm Arm. Ihr folgt Julia, sie hat die blonden langen Haare zu einem Zopf gebunden. Elke empfängt sie mit den Worten: „Der Typ, der die Eier abgebunden haben will, hat angerufen. Der kommt gleich.“ Julia nickt kurz. Diesen Freier nennen sie „Eiermännchen“. Ein anderer heißt „Viagra“, den mögen die Frauen nicht besonders, der ist anstrengend. Der will ewig. Sie können die Männer auch ablehnen. Theoretisch. Aber die meisten Frauen wollen das Geld. Mareike ist 27, muss ihr Motorrad bezahlen und hat sich neu eingerichtet. „Manchmal müssen sie sich auch zusammenreißen“, sagt Elke. „Das ist ihr Job.“

Elke hat früher überall gearbeitet, auf der Straße, als Domina, in Wohnungen, Bars und Sexkinos. Am schlimmsten fand sie die Bars, dort musste sie ständig Alkohol trinken. Sie sagt, ihr Verhältnis zu Männern habe sich in fast zwanzig Jahren im Geschäft nicht verändert, nur ihr Verhältnis zu Treue und Beziehungen. Jeden Tag ziehen die verheirateten Freier an ihr vorüber, die sicher ihre Frauen lieben, aber trotzdem ihren Puff besuchen. „Die leben ihre Bedürfnisse aus, das bewundere ich“, sagt sie. Ihre Gesichtszüge erzählen etwas anderes, sie bleiben bei diesem Satz seltsam unbewegt, die Mundwinkel hängen tief, der Blick richtet sich nach innen, Elke scheint von ihren Worten losgelöst. Manchmal klingt sie hart, ohne Scham und Illusionen, sieht die Menschen auf ihre Triebe reduziert. Vielleicht gibt es nach einer langen Zeit in diesem Beruf keinen Abgrund, der einem fremd ist, keinen Glauben, der nicht enttäuscht wurde. Einmal musste Elke einen nackten Mann stundenlang huckepack durch sein Hotelzimmer tragen, das erinnerte ihn an sein Kindermädchen. Und es gibt eine Regel: „Je katholischer die Gegend, desto mehr Kunden.“ Elke vermutet, dass die frommen Männer ihre sexuellen Begierden nicht den Ehefrauen zumuten wollen.

Die Wahrheit über Sex

Und ihre eigenen Beziehungen? Die meisten ihrer Freunde verlangen, dass sie aufhört anzuschaffen. Einen heiratet sie sogar und hört wirklich auf. „Aber die Beziehung ist dadurch nicht besser geworden“, sagt sie. Nach einem Jahr lassen sie sich wieder scheiden. Kurz arbeitet Elke auch bei Hydra, der Organisation für Huren. In ihrem Büro steht ein Bett, sie erklärt Nachwuchsprostituierten, wie man Kondome überzieht, dass man die Schuhe im Bett anbehält und wie sie sich wegwinden können, wenn ein Mann Dinge verlangt, für die er nicht bezahlt hat. Es geht darum, die Machtposition im Bett zu verteidigen. Nach anderthalb Jahren kehrt Elke ins Milieu zurück und übernimmt das Freudenhaus Hase. Woher die Anziehung rührt, kann sie nicht erklären. Sie sagt wieder einen dieser Sätze, die im Nichts enden. Die Erfahrungen als Hure scheinen Elke manchmal von der bürgerlichen Welt zu trennen. Sie lebt wie hinter einem Spiegel, durch den nur eine Seite blicken kann, sie sieht alle, aber für die draußen bleibt sie unsichtbar.

Es ist sechs Uhr, Hochbetrieb. Im „Allerheiligsten“ riecht es nach Gummi, Raumspray, Körpersäften und Zigarettenrauch. Die Wahrheit ist, Sex stinkt. Elke sitzt noch immer am Tisch, vor ihr „BZ“ und Aschenbecher. Es klingelt, sie ruft: „Julia, dein Eiermännchen ist da.“ Julia sieht zu Boden. „Brauchst du Hilfe?“, fragt Elke. „Nee“, sagt Julia und geht. Im Fernsehen läuft die Serie „Friends“.

Mareike hat sich einen gelben Bademantel übergezogen, sitzt auf dem Sofa, ihre Knie aneinandergepresst. Ihr Gesicht ist schön, sanfte Züge, große Augen, schmale Brauen. Seit sieben Jahren, seitdem sie Hure ist, hat sie Bulimie. Ficken und kotzen. Im ersten Puff, in dem sie arbeitete, da gab es ein Mädchen, das war so schlank. „Ich wollte aussehen wie die“, sagt Mareike. Spaß macht der Job selten. „Ich ziehe Bestätigung daraus“, sagt sie. Wenn die Männer von allen Frauen sie erwählen. Es läutet, sie steht auf, zieht ihren Bademantel aus. Sie muss wieder weg.

Elke steigt in den zweiten Stock, dort wartet Uwe in einem Korbstuhl. Ein Stammkunde. Er sitzt zwischen Badvorleger in Herzform, Preisliste, Bett und Grünpflanze. Über seinem Bauch spannt ein blaues Hemd, die Haare hat er zur Seite gekämmt, er schwitzt. Zwei Mal im Monat kommt er her. Uwe ist 40, vergangenes Jahr war er das erste Mal in einem Puff: „Ich hatte weiche Knie und habe mich gefragt, wie ich auf die Frauen wirke“, sagt er. Uwe ist einer von den „netten Freiern“, der reden will, manchmal bringt er Pfannkuchen mit. Bezahlen muss er trotzdem. „Das Geschäftliche verdränge ich“, sagt er leise. Eine feste Beziehung habe er momentan nicht, aber er ist verliebt – in eine Hobbyhure. Das sind Frauen, die das Geschäft versauen. Die „Unprofessionellen“, die Männer in Bars oder Restaurants treffen, mit ihnen gehen, sich dann aber die Nacht bezahlen lassen. Echte Beziehungen sind manchmal anstrengend. Man muss sich um die Frauen bemühen, sie einladen, zuhören. Im Bordell geht es schneller, die Phasen des Kennenlernens und Verliebens werden weggelassen.

Elke drängt Uwe zum Gehen, sie hat gleich Schluss, die Frauen müssen noch bleiben bis 22 Uhr. Sie will nach Hause. Vor vier Jahren hat sie aufgehört, selbst anzuschaffen. Plötzlich fühlte sie sich in Dessous deplatziert. „Es ging nicht mehr“, sagt sie. Seit drei Jahren hat sie einen festen Freund, sie will heiraten. Wir werden ihnen allen die Stirn bieten, Natascha, wir werden heiraten. Elkes Geschichte endet wie im Groschenroman „Rote Laterne“. Fast. Elke bleibt Puffmutter.

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