Welt : Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

JOCHEN WIESIGEL (AP)

WEIMAR .Eine Kopie von Goethes Gartenhaus ist am Freitag in der Nähe des berühmten Originals im Weimarer Ilmpark enthüllt worden.Der detailgetreue Nachbau, der auch sämtliches Mobiliar im Haus umfaßt, gilt als eines der spektakulärsten Projekte der Europäischen Kulturstadt Weimar 1999.Mit diesem Vorhaben soll nach Ansicht des Kulturstadtbeauftragten Bernd Kauffmann die Diskussion um die Aura des Originals in der auf fast grenzenlose Reproduzierbarkeit angelegten Mediengesellschaft angeregt werden.Eine zweite Kopie des Goethe-Gartenhauses in Form einer medialen Simulation wird Anfang Juni in Weimar eröffnet.

Kauffmann sagte, es sei zum erstarrten Gestus verkommen, die Einzigartigkeit Weimars als eines kulturgeschichtlichen Brennpunktes zu unterstreichen.Jeder habe das Recht, neu befragt zu werden, auch Goethe.Anhand der Gartenhauskopie könne exemplarisch gefragt werden: "Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Ist die Wiederholung eines Hauses, in dem der schöpferische Geist wohnte, überhaupt möglich? Kann man auch eine Aura klonen?"

Über das Projekt hatte es in der Vergangenheit einige Aufregungen und Widerstände gegeben.Ende 1998 war auf das im Rohbau fertige Haus sogar ein Brandanschlag verübt worden.Die nach dem Original gefertigten Möbel im Inneren wurden mit Kratzern und Tintenklecksen versehen; sogar die Spuren der Holzwürmer wurden nicht vergessen.Rund 100 Handwerker arbeiteten in 25 Gewerken für den rund 1,5 Millionen Mark teuren Bau.

Der als Fälscher der Hitler-Tagebücher bekannt gewordene Galerist Konrad Kujau sagte, die Kopie des Gartenhauses zum Anfassen habe nichts mit einer Fälschung zu tun.Er habe bereits mit neun Jahren Goethes Handschrift zu fälschen versucht.Nach Weimar eingeladen worden sei er aber wohl deshalb, weil er den einzigen wirklichen Nachkommen Goethes präsentieren könne.Kujau zeigte einen "nicht gefälschten" Stammbaum, nach dem Goethe mit Antonia Magdalene Paulus im Jahr 1802 eine Tochter Apolonia gezeugt haben soll, deren Linie bis zum Jahr 1973 verfolgt werden könne.

Als Goethe im März 1776 das damals hundert Jahre alte Gartenhaus bekommen hatte, befand es sich zeitgenössischen Berichten zufolge in einem erbärmlichen Zustand: Das Dach war schadhaft, die Esse eingefallen, und der Garten glich einer Wildnis.Der Dichter ließ das Haus in Ordnung bringen, Terrassen und Wege anlegen und pflanzte mit Hilfe des Hofgärtners Johann Reichert Bäume und Sträucher.

1963 und 1966 wurde gründlich saniert, unter anderem wurden die Dachschindeln ausgetauscht und Lehm durch Mörtel ersetzt.1996 ließ der amtierende Museumsdirektor Gerhard Schuster den Materialbestand auf das reduzieren, was quellenkritischer Forschung standhielt.Seitdem gehen die Besucher durch nahezu leergeräumte Zimmer - im Original wie nun auch in der Kopie.Diese wird dem Publikum bis Oktober zugänglich sein.

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