Welt : Wieder ein totes Baby – in Thüringen

In Nordhausen ist ein nicht versorgter Säugling entdeckt worden / Gegen die Mutter wird ermittelt

Rainer Fuchs[Nordhausen]

Am Nachmittag ging bei der Rettungsleitstelle in Nordhausen ein Anruf des Hilfsvereins Sternipark ein, wonach Nadja G. ein Baby in ihrer Wohnung bekommen haben soll, das womöglich tot ist. Als der Notarzt sieben Minuten später bei der 27-Jährigen eintraf, war der Säugling nicht mehr zu retten. Die Reanimation an dem offensichtlich unterkühlten kleinen Mädchen scheiterte, erklärte gestern die Polizei. Am meisten entsetzte die Helfer aber, dass, während die alleinstehende Frau das Baby im Bad zur Welt gebracht haben muss, im Wohnzimmer ihr neunjähriger Sohn mit einem Freund gemeinsam ferngesehen hat. Beide sollen von dem Drama im Bad aber nur wenig mitbekommen haben, hieß es gestern. Was genau passierte, ist unklar, sagte Staatsanwalt Dirk Germerodt.

Auch habe die Obduktion bis zum Abend nicht ergeben, ob das Neugeborene gelebt hatte oder lebensunfähig war. Die Untersuchungen dazu sollen das ganze Wochenende andauern, fügte er hinzu. Ob die Frau von den Wehen überrascht wurde oder eine heimliche Geburt geplant hatte, ist noch nicht geklärt. Immerhin habe sie einen Bekannten informiert, der abends auch in Nordhausen eintraf, um ihren Sohn zu übernehmen. Ein Haftbefehl werde nicht erwogen, so der Staatsanwalt. Ohne eindeutiges Obduktionsergebnis sei nicht einmal klar, ob überhaupt eine Straftat vorliege.

Gegen die Mutter würden allerdings Ermittlungen wegen des Anfangsverdachts Totschlag durch Unterlassung laufen. Sie ist derzeit in einem Krankenhaus untergebracht. Ihr Sohn wird betreut, hieß es. „Wir erhielten einen Anruf von einer Frau aus Nordhausen, die sagte, dass sie gerade ein Baby bekommen hat“, bestätigte Leila Moysich, Vizechefin des Vereins Sternipark aus Hamburg, die Angaben der Ermittler. „Die Frau hatte bei uns das erste Mal angerufen“, fügte sie an. In Thüringen hat der Fund der siebenten Babyleiche allein dieses Jahr vor allem die Debatte um die Pflicht für Vorsorgeuntersuchungen bei Schwangeren erneut belebt.

Die Ermittlungen im Fall der drei toten Babys aus Plauen gestalten sich schwierig. Angesichts der weit fortgeschrittenen Verwesung der Mädchen sei unklar, ob verwertbares genetisches Material gewonnen werden könne, sagte der Chemnitzer Oberstaatsanwalt Bernd Vogel am Freitag.

Die wegen Totschlagsverdachts in Untersuchungshaft genommene 28 Jahre alte Frau schweige seit Donnerstag. Vogel sprach von einer äußerst schwierigen Ermittlungssituation.

Die arbeitslose Frau hat Vogel zufolge bislang kein Geständnis abgelegt, die Kinder getötet zu haben. Ihrer Version zufolge waren die 2002, 2004 und 2005 geborenen Mädchen „plötzlich tot“. Die Staatsanwaltschaft bezweifelt dies. Mit einem DNA-Abgleich wollen die Ermittler jetzt erst einmal die Elternschaft zweifelsfrei klären. (mit dpa)

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