Wien : Nur net schlag’n!

Wien ohne Fiaker? Unmöglich. Doch was die Rösser im Sommer durchmachen, alarmiert Tierschützer.

Mirko Weber[Wien]
Fiaker
Ein Fiaker vor der Neuen Hofburg. Für Wientouristen ist die Stadtbesichtigung in der Kutsche ein Muss. -Foto: dpa

Wien, Innere Stadt, im Schnelldurchgang und doch kommod unterwegs und was gesehen? Bitte sehr: Nehmen Sie den Bus 1 a, steigen am Schottentor ein, passieren Teinfaltstraße, Heidenschuß, Graben, Brandstätte, Stephansplatz, Riemergasse und steigen nach gut zehn Minuten Stubentor aus, ein besseres Café als das Prückel finden Sie ohnehin weit und breit nicht. Aber wer fährt schon Bus in Wien? Die Hiesigen.

Viele Touristen indes finden, dass sie sich – schon aus historischen Gründen – eine Fahrt mit dem Fiaker schuldig sind. Anders ist nicht zu erklären, warum auch heute noch 150 davon zugelassen sind, die eine Hälfte wird an geraden, die andere an ungeraden Tagen bewegt, eine Maßnahme, die sich einer EU-Verordnung aus dem Jahr 1995 verdankt. Seitdem sind die Konzessionen freigegeben. Früher wurden sie vererbt. Auch Frauen fahren, was sich die französischen Lohnkutscher aus der Rue de Saint Fiacre, die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts das Gewerbe begründeten, auch nicht hätten träumen lassen.

Neuerliche Unbequemlichkeiten drohen den alteingesessenen Wiener Fiakern jetzt durch die Tierschutzstadträtin Sandra Frauenberger, die im Auftrag der Stadt die Veterinärmedizinische Universität mit einer Studie beauftragt hat. Insgesamt zwölf Fiakerpferde wurden dafür an je drei heißen und drei kühlen Tagen zwischen neun in der Früh und 22 Uhr getestet: Atemfrequenz, Körpertemperatur, die Verweildauer beim Dösen im Stehen, die Häufigkeit des bei vielen Pferden manischen Kopfschüttelns, Fliegenabwehr sowie Schwitzverhalten wurden in insgesamt 400 Messungen protokolliert.

Das Ergebnis war, wie nicht anders zu erwarten, etwas weniger kommod als der existenzielle Befund im klassischen Wienerlied, wo es zwar einerseits heißt: „A Peitschen, na, des gibt’s net, ui jessas, nur net schlag’n“, andererseits der Stolz des Lenkers spürbar wird, wenn’s immer „tropp, tropp, tropp“ dahingeht übers Katzenkopfpflaster. Die Verse reden im Übrigen von der vergleichsweise seligen Zeit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, als sich die heutige Buskundschaft über die selbstverständlich autofreie Ringstraße in die Oper kutschieren ließ, um beispielsweise in der „Arabella“ von Richard Strauß und Hugo von Hofmannsthal die Fiakermilli zu sehen, eine Scheinidylle.

Sandra Frauenberger nun erkennt ohne Weiteres an, dass die Fiaker eine Tourismusattraktion darstellen, was aber nicht bedeuten könne, dass man seitens der Stadt „die Augen vor den Belastungen der Tiere“ verschließe. Wer einmal zur Mittagszeit im Sommer länger vor der Hofburg, dem Sacher oder am Fiakerplatz im Dritten Bezirk die Tiere beobachtet hat, wie sie in der Hitze darben, versteht nachträglich, warum der Philosoph Friedrich Nietzsche (allerdings war das im kalten Januar und in Turin), bevor er dem Wahnsinn verfiel, einen Droschkengaul umarmte und gar nicht mehr von ihm lassen wollte. Das Schicksal der Kreaturen heutzutage ist vielen Fiakern tatsächlich tendenziell eher gleichgültig, solange die Pferde nur nicht zusammenbrechen.

Deshalb will die Stadt bei der Fiaker-Fahrdienstprüfung nachhelfen und den Schwerpunkt stärker auf das Prüfungsgebiet „Umgang mit Pferden“ legen. Die Studie hat nämlich erwiesen, dass speziell da Einiges im Argen liegt: Neben einer stets sachgemäßen Beschirrung und dem Einhalten der Mindestruhepausen (zehn Minuten nach der kleinen, eine knappe halbe Stunde dauernden Rundfahrt, die 40 Euro kostet) soll unter anderem in Zukunft jeder Fiakerplatz in Wien mit Wasserschläuchen zur Abkühlung ausgestattet werden. Zudem sollen die Tiere mindestens drei Mal täglich Futter bekommen, und spätestens vom Beginn des nächstes Jahres an ist es den Besitzern der Pferde verboten, den Schweif abzubinden, da sich die Tiere sonst nicht gegen die Insekten wehren können.

Allerdings ist Sandra Frauenberger nicht die Erste in Wien, die für ein wenig mehr Tierschutz und generell für Ordnung im Fiakerbetrieb sorgen will. Versuchweise hatte die Stadt vor fünf Jahren schon einmal Kunststoffhufeisen einführen lassen, um den Straßenbelag zu schützen, was bald wieder aufgegeben wurde. Das Klackern gehört nun einmal zum Flair. Ebenso hat der Wiener Schlendrian in kürzester Zeit die gesetzlich vorgeschriebene Pferdewindel buchstäblich fallen lassen, stattdessen stinken die Äpfel, wie seit eh und je, zum Himmel.

Auch die von Sandra Frauenberger angedrohte harte Linie des Magistrats und der Polizei hat es in ähnlicher Art immer wieder einmal gegeben. Zumindest erzählt von den latent kursierenden Befürchtungen der Fiaker ein anderes Wienerlied: „Ma derf si’ net viel gspaßeln, aber eindraht (eingesperrt) is ma glei!“

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