Welt : Willem van Oranje: Verspätete Detektive

Thomas Roser

Ewig hell und geheimnisvoll strahlen meist die Sterne der früh ins Jenseits abberufenen Staatsmänner. Was den Amerikanern ihre ermordeten Präsidenten Lincoln und Kennedy, ist beispielsweise den Niederländern Prinz Willem van Oranje. Noch heute wird der Nationalheld von den Bewohnern des Polderlandes verehrt. Sie singen sogar von ihm, jedes Mal, wenn sie den Text ihrer Nationalhymne trällern.

Generationen von Landeskindern haben in den letzten Jahrhunderten die Stelle bestaunt, an der der Vater des Vaterlands frühzeitig sein Leben aushauchte. Am 10. Juli 1584 wurde Wilhelm van Oranien-Nassau nach seinem Mittagsmahl auf den Stufen des Prinsenhof in Delft von dem Kopfgeldjäger Balthasar Gerards erschossen.

Vom Geld für Strümpfe Pistolen gekauft

Einst der Statthalter der Spanier, hatte Willem den nördlichen Teil der niederländischen Provinzen in die Unabhängigkeit von den iberischen "Tyrannen" geführt. Den Verrat wollten die Spanier nicht ungesühnt lassen. Ein Kopfgeld von 25 000 Goldmünzen hatte Spaniens Herrscher Philipp II. bereits 1579 für die rasche Beseitigung des von ihm geächteten Quertreibers ausgelobt. Unter falschem Namen schmuggelte sich fünf Jahre später der katholische Gerichtsschreiber Gerards als Bote ins Gefolge des ihm verhassten Protestanten Willem ein. Zwölf Kronen steckte ihm damals der Oranierspross zur Anschaffung neuer Schuhe und Strümpfe zu. Das war ein Fehler, denn damit sollte Willem seine eigene Ermordung finanzieren. Von dem Geld kaufte sich Gerards keine Beinkleider, sondern zwei Pistolen. Aus nächster Nähe schoss er Willem mit den nagelneuen Waffen nieder.

Der Mörder - ein Verbrecher zwar - war selbstlos. Er ließ sich fangen und wurde zwei Wochen nach der Tat in Delft hingerichtet. Seine Familie erhielt vom spanischen König das versprochene Geldsäckel und die Beförderung in den Adelsstand.

Doch obwohl der Mord schon seit mehr als vier Jahrhunderten restlos aufgeklärt schien, will das Museum Het Prinsenhof in Delft die Ermittlungen nach dem genauen Ablauf des Attentats nun neu aufrollen. Der Grund: An merkwürdig niedriger Stelle sind die Einschusslöcher derjenigen Kugeln, die Willem verfehlt haben sollen, im Gemäuer des Prinsenhofs zu finden.

"Der Täter hätte schon mit verbundenen Augen Richtung Boden schießen müssen, um aus der kurzen Distanz die Kugeln in einem halben Meter Höhe in die Wand zu schießen", begründet Ferry Walberg, der Sprecher des Museums, die geplanten Untersuchungen des betagten Gemäuers. Mit Röntgengeräten wollen die Museumsleute die Mauern durchleuchten.

Genauso wie zahlreiche Besucher könnten sich auch Historiker auf die seltsame Lage der Löcher keinen Reim machen. Da für 2002 eine Neukonzeption der Ausstellung über Willem geplant sei, bemüht sich das Museum nun, eine Antwort auf die offenen Fragen zu finden.

Möglicherweise wurden die Einschusslöcher bei späteren Umbauten des einstigen Klosters einfach zugemauert und später - gewissermaßen als Geschichtsfälschung - an falscher Stelle wieder angebracht. Denkbar ist auch, dass früher die Freitreppe, auf der Willem erschossen wurde, noch einige Stufen weiter nach unten lief.

Die Röntgen-Untersuchung der Mauern soll auch Aufschluss über den Verbleib der Kugeln geben, um mit ballistischen Untersuchungen den genauen Verlauf der mörderischen Tat rekonstruieren zu können. Die große Anteilnahme der Öffentlichkeit an den Ermittlungsbemühungen des Museums habe auch ihn ein wenig überrascht, sagt Museumssprecher Walberg: "Aber Willem ist eben die Ikone unserer vaterländischen Geschichte. Und das Interesse daran nimmt immer mehr zu."

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