Willi Streitz : "Es lag auf der Hand"

Herr Streiz, auf der Loveparade mussten die Besucher durch einen Tunnel zum Veranstaltungsort. War das Auslöser für eine Panik?

Es ist der Situation zwar nicht angemessen, doch flapsig formuliert gibt es keinen besseren Ort, damit eine Panik ausbricht. Eine Voraussetzung dafür ist natürlich Enge, ein Gefühl der Bedrohung oder Unzufriedenheit, etwa weil die Leute nicht schnell an den Veranstaltungsort kommen. Andere Umstände wie Hitze begünstigen eine Panik noch.

Die Veranstalter sahen in dem Tunnel einen geeigneten Ein- und Ausgang.

Das Problem lag ja eher außerhalb des Tunnels. Der Veranstaltungsort selber war, wenn die Medienberichte stimmen, für die Personenanzahl nicht ausgelegt. Dann lag es auf der Hand, dass es zu Rückstaus kommen würde. Dass sich diese bis in den Tunnel und auf das ganze Gebiet ohne Ausweichmöglichkeiten ausdehnen würden, waren Umstände, an die die Veranstalter früher hätten denken sollen.

Mit welchem Verhalten muss der Veranstalter bei einer Massenpanik rechnen?

Weil solche Ereignisse sehr selten sind, gibt es bisher nur wenig Material, das man auswerten könnte, um damit Erkenntnisse zu sammeln. Man kann aber sagen, dass die Menschen nicht durch den Druck der Menge zu Schaden kommen. Problematisch ist, dass die Masse wegen des Drucks anfängt, Auslenkbewegungen zu den Seiten zu machen. In dieser Seitenbewegung fallen Leute und geraten so unter die Füße der anderen. Man muss dafür sorgen, dass solche Bewegungen nicht entstehen.

Wie kann das realisiert werden?

In Duisburg hätten sie am Wegesrand genügend attraktive Events haben müssen, die die Leute aufhalten, sei es ein Bier.

Bei der Loveparade ist der Eingang gleichzeitig der Ausgang gewesen. Lag hierin ein fataler Fehler?

In jedem Fußballstadion ist das ja auch so. Nun hat aber ein Stadion mehrere Ausgänge. Außerdem ist dort nicht zu erwarten, dass das Kommen und Gehen gleichzeitig stattfindet. Bei einer Veranstaltung mit einer Million Leuten, wo man erwarten kann, dass die Menschenströme in beide Richtungen gehen, ist anzuraten, lieber einen Ausgang mehr zu haben.

Was sagen Sie zu der Treppe, die viele benutzt haben, um zu entweichen?

Die Treppe war nun schon vorher da. Als Veranstalter muss man damit rechnen, dass Menschen nicht den vorgeschriebenen oder vorgezeichneten Weg gehen, insbesondere wenn die Situation eng wird. An kritischen Punkten sollten Leute sein, die das verhindern oder diese so absperren, dass da keiner rankommt.

Zur Person

Willi Streitz (58) arbeitet an der Katastrophenforschungsstelle der Universität Kiel und beschäftigt sich mit dem Risiko auf Großveranstaltungen. Das Gespräch führte Katharina Kühn.

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