Welt : Willkommen im Sommerloch

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Von Jutta Heess, Sommerloch

Es hört an diesem Tag nicht auf zu regnen. Dabei hatte man gehofft, dass sich der Sommer dieses Jahr hier versteckt hält. Hier, zwischen Koblenz und Mainz, in einem kleinen Dorf, das über eine Straße erreichbar ist, die sich so schmal einen Hügel hochschlängelt, dass auf den Mittelstreifen großzügig verzichtet wurde. Kornfelder und Weinberge flankieren den Weg, vom Gipfel blickt man schließlich auf ein paar Häuser, die sich ins Tal kuscheln. Das also ist Sommerloch.

„Ruhige Wohngegend", sagt Bürgermeister Bernhard Boss. Mit leichtem Schalk in der Stimme. Tatsächlich machen die 450 Einwohner der Waldrandgemeinde, die hier im Weinanbaugebiet Nahetal bei Bad Kreuznach zusammenleben, wenig Lärm. Zumindest an einem verregneten Tag. Die vier großen und acht kleinen Straßen sind menschenleer, nur ein Traktor knattert über die Hauptstraße. Und die beiden Kühe am Dorfrand sowie der alte Schäferhund vor einer Scheune sind auch eher unauffällige Artgenossen. Im Gegensatz zu ihren tierischen Kollegen, die gerne den medialen nsvetter stopfen - vorzugsweise entlaufene Reptilien oder durchgedrehte Kampfhunde.

Was war wohl zuerst da, das Sommerloch oder Sommerloch? „Uns gab es früher", erklärt Bürgermeister Boos. Der Name leite sich aus dem mittelhochdeutschen „Sumerlache" ab - eine „nach Süden gelegene feuchte Mulde". Und hier im Ort sage man immer noch „Summerloch". So wie man auch noch andere Wörter eigentümlich ausspricht, „de Kerschekerb" etwa, „em Woipröbsche" oder „de Fassenacht".

„Bei uns ist nie tote Hose, es ist immer was los", sagt Boos. Sommerloch habe fünfzehn Vereine, und da manche Bewohner in mehreren Vereinen sind, gebe es im Dorf mehr Mitglieder als Einwohner. Von wegen Langeweile. Boos findet es nicht mehr witzig, dass jedes Jahr, wenn die nachrichtenarme Sommerzeit beginnt, Scharen von Journalisten das Dorf stürmen. Er wisse nicht, welcher Fernsehsender noch nicht da war. Selbst das Deutsche Sportfernsehen kam vor ein paar Tagen an die Nahe, um auf dem Sommerlocher Fußballplatz zu drehen. „Wir wollen nicht immer die Lückenbüßer sein."

So ganz überzeugend klingt der Protest nicht, hat der Ort doch ein vitales Interesse daran, seinen Wein zu verkaufen. Da Wein aus Rheinland-Pfalz nicht gerade der beste ist, kann zusätzlicher Anreiz nicht schaden. Immerhin gibt Boos zu, dass die Namensgleichheit zur Saure-Gurken-Zeit auch zur Bekanntheit seines Dorfes beigetragen habe. Letztes Jahr sei sogar Norbert Blüm gekommen, um sein Buch im Gemeindehaus vorzustellen. Der Titel: „Das Sommerloch. Links und rechts der Politik." Links und rechts des Ortes Sommerloch befinden sich hauptsächlich Weinberge.

Oder „Wingert", wie man hier sagt. Es gibt sechs Hauptwinzer und ebenso viele Nebenerwerbswinzer, die 107 Hektar ums Dorf herum mit Wein bebauen.

Sommerloch selbst hat kein einziges Geschäft, nur eine Änderungsschneiderei, dafür aber zwei Gaststätten und zwei Gutsschänken. Eine davon gehört dem Winzer Hermann Barth. „Wein vergoldet jeden Tag", steht auf den Weinkisten im Hof des Familienbetriebs. Neben dem guten Tropfen und zünftigen Mahlzeiten wie Spundekäs und Hausmacher Wurstplatte bieten die Barths auch in vier Doppelzimmern acht Schlafplätze für Touristen. „Wir haben oft Gäste aus dem Ruhrgebiet", erklärt Barth. Es sei ja landschaftlich sehr schön, „fast ein bisschen wie in der Toskana", behauptet er, „mit den Hügeln und den Weinbergen".

„Wer einmal hier war, kommt immer wieder." Und über einen Spruch wie „Urlaub im Sommerloch" kann auch Hermann Barth nur noch müde lächeln. Gerade sei Sat.1 da gewesen, bei seinem Hoffest. Und der Südwestrundfunk habe eine Neun-Minuten-Sendung über Sommerloch gemacht. „Dabei gibt es hier doch viel komischere Ortsnamen." Hargesheim, zum Beispiel. Roxheim, Winterburg oder Waldböckelheim. Und Wallhausen. Im zwei Kilometer entfernten Dorf gibt es Geschäfte, Ärzte, eine Grund- und eine Gesamtschule. Eine Kirche hat Sommerloch hingegen selbst - die katholische Kirche St. Aegidius aus dem Jahr 1789. Und einen kleinen Friedhof. Irgendwie ähneln sich die Grabsteine sehr, vielleicht weil oft die gleichen Namen draufstehen: Schuhriemen, Tullius, Keber, Haßlinger, Höning, Eckes. „Stimmt, die meisten Sommerlocher bleiben Sommerlocher" erklärt Karl-Heinz Eckes. Eine Landflucht der Jungen finde hier fast nicht statt, höchstens nach Wallhausen oder Roxheim ziehe der eine oder andere. Der Reiz, nach Sommerloch zu kommen hingegen, scheint deutlich größer zu sein. Im Weingut Eckes sitzen gerade rund 30 Leute aus Gummersbach und machen eine Weinprobe.

Wenn Günter Jauch in seiner Sendung die Frage noch einmal stellen sollte, welches Dorf mit lustigem Namen die Postleitzahl 55595 hat, dann wissen 30 Gummersbacher mehr die richtige Antwort.

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