Welt : Windhosen: Wenn der Himmel rotiert

Zwischen Feuerwehrhaus und Marktplatz im niedersächsischen Belm sieht es am Dienstagmorgen aus, als sei ein Riese durch den Ort gestapft: Auf einer 50 Meter breiten und 600 Meter langen Spur liegen umgeknickte Bäume durcheinander, sind Dächer abgedeckt, Verkehrsschilder umgebogen und um Kindergarten und Grundschule liegen Spielgeräte verstreut. Ursache der Zerstörung: Durch Belm fegte am Montagabend eine Windhose und hinterließ Millionenschäden.

"Sowas haben wir hier noch nicht erlebt", sagt der noch elf Stunden nach dem knapp zweiminütigen Gastspiel des Wirbelsturms fassungslose stellvertretende Gemeindebrandmeister Rolf Fangmeier: "Wir saßen hier bei einer Tagung im Feuerwehrhaus zusammen, plötzlich wurden Wind und Regen lauter. Wir wollten das angekippte Fenster zumachen - aber vier ausgewachsene Männer brachten das nicht fertig." Von der schier unglaublichen Kraft der Windhose konnten sich die Feuerwehrmänner wenig später draußen überzeugen: Umgestürzte Bäume, geplatzte Fensterscheiben und abgestürzte Ziegel boten ein Bild der Verwüstung. Zwei Menschen erlitten leichte Verletzungen.

"Es war wie im Film", beschreiben Augenzeugen aus der 14 000-Seelen-Gemeinde bei Osnabrück das Erlebnis. Zunächst habe es noch nach Rauch ausgesehen, dann wurde deutlich der trichterförmige Wirbelsturm erkennbar, berichten sie übereinstimmend. "Man konnte wirklich sehen, wie die Dinge kreiselnd in die Höhe gehoben wurden", bestätigt Gemeindedirektor Horst Schröder. "Und laut war es, als führe ein Lastwagen durch den Garten", berichtet eine Frau. Die Windhose kam gegen 20.45 Uhr und war zwei Minuten später wieder weg. "Und ich konnte sie noch in der Ferne sehen, wie sie wirbelnd abzog", sagte eine Nachbarin.

Wie eine Windhose entsteht

Eine Windhose, wie am Montagabend ist selbst für erfahrene Meteorologen etwas Besonderes. Das Phänomen ist äußerst selten und in der Regel nicht vorherzusagen, wie Kalli Nottrodt vom Deutschen Wetterdienst (DWD) am Dienstag sagte. Nur zwei bis drei Windhosen pro Sommer beobachten die Meteorologen. Die Zahl könnte aber höher sein, denn wenn die Stürme über unbewohntes Gebiet fegen, blieben sie leicht unbemerkt. "Eine Windhose ist ein ganz eng begrenztes Tiefdruckgebiet", erklärte Nottrodt, "ein Mini-Tief auf kleinstem Raum". Es entsteht durch eine sehr starke Überhitzung kombiniert mit Luftdruckabfall. Wenn über einer solchen Situation eine Gewitterwolke liegt, kann es sein, dass die Luft unter der Wolke zu rotieren beginnt. "Dann zieht sich ein wirbelnder Rüssel von der Wolke bis zum Boden." Der Rüssel enthält Staub und Feuchtigkeit, hat in der Mitte aber kein windstilles "Auge". Eine Windhose hat einen Durchmesser von 10 bis 20 Metern und eine Geschwindigkeit von 100 bis 150 Stundenkilometern. Sie überlebt nur wenige Minuten. Voraussetzung für das Entstehen einer Windhose sind feuchte Luft und große Temperaturunterschiede. Auf dem Boden misst man dann etwa 20 Grad plus, in 1500 Metern sieben Grad plus, in 5000 Metern aber schon minus 25 Grad. In Mitteleuropa gibt es Nottrodt zufolge jeden Sommer an die zehn Windhosen, diese Zahl sei seit Jahren konstant. Vergleichbar ist die Windhose mit einem Tornado, nicht aber mit dem Hurrican oder dem Taifun. Ein Tornado entsteht auf ganz ähnliche Weise wie eine Windhose, ist aber schneller, lebt länger und hinterlässt eine breitere Schneise. Ein Hurrican wie auch ein Taifun sind noch schneller und breiter, haben aber einen entscheidenden Unterschied: das Auge. "In Inneren des Hurricans und des Taifuns herrscht Windstille, im Inneren des Tornados und der Windhose ist die Geschwindigkeit am höchsten."

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