Winnenden : 113 Schüsse und die Stille danach

Sie hätten ihn gern etwas gefragt, den Vater des Amokläufers von Winnenden. Wieso seine Beretta nicht weggeschlossen war. Auch jetzt, als Angeklagter, stellt er sich der Wirklichkeit nicht – wie in all den Jahren zuvor.

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Umrisse eines Verbrechens. Kreidezeichnung am Ort, an dem sich Tim K. das Leben nahm.
Umrisse eines Verbrechens. Kreidezeichnung am Ort, an dem sich Tim K. das Leben nahm.Foto: dpa

Der Platz des Angeklagten ist leer an diesem Donnerstag Ende Januar. Er ist es seit Monaten schon. Erst ließ sich Jörg K., der Vater des Amokläufers von Winnenden, krankschreiben, weil er Morddrohungen erhalten hatte. Dann kam er ganz ohne Erklärung nicht mehr. Irgendwann hat das Gericht ohne ihn verhandelt. Hat Zeugen gehört, Polizisten und Gutachter. Doch die da waren, konnten nicht sagen, warum der 17-jährige Tim K. am 11. März 2009 15 Menschen und sich selbst erschoss. Und der, der es vielleicht sagen könnte, der Angeklagte, Tims Vater, ist nicht da.

Kurz bevor im Stuttgarter Prozess um den Amoklauf von Winnenden am Donnerstag das Urteil fällt, ist vieles noch immer ein Rätsel. Was Tim K. zum Mörder machte. Ob sein Vater die Tat ermöglichte, weil er die Waffe, aus der Tim K. 113 Schüsse abgab, im Schlafzimmer liegen hatte. Und weil er von den psychischen Problemen des Sohnes wusste, von seinem Hass auf die Welt, von seiner Fantasie, Menschen zu töten.

Das glauben zumindest die Staatsanwälte. Sie fordern zwei Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung, ausgesetzt zur Bewährung. Die Anwälte der Opferfamilien wollen, dass Jörg K. ins Gefängnis geht. „Er hat sich nicht bewährt“, sagt einer von ihnen. Jörg K. sagt nichts. Er ist ja abwesend. Als könnte er sich der Tat seines Sohnes entziehen, indem er sich ihren Folgen entzieht.

Wegsehen und die Dinge laufen lassen – darum dreht sich der gesamte Prozess. Tim K. war ein verschlossener und schwacher Schüler, „im Randbereich der Klasse“, wie eine Lehrerin sagt. Ein einziges Mal ging Tim K. aus sich heraus, als die Klasse diskutierte, ob man Spielzeugwaffen, die aussehen wie echte Waffen, verbieten sollte. „Tod aus Spaß“ hieß das Thema.

Doch der Vater, der sich selbst zum Unternehmer hochgearbeitet hatte, war überzeugt davon, sein Sohn sei allen überlegen. Als Tim in der Grundschule an seinem Geburtstag ein Gokart-Rennen veranstaltete, befahl der Vater den anderen Kindern, Tim gewinnen zu lassen. Jörg K. ließ Tim im Tischtennisverein spielen und zum Wrestling gehen, er gab ihm Geld für Pokerturniere. Sein Zimmer durfte Tim mit Softair-Waffen dekorieren, die bis ins Detail echten Schusswaffen glichen. Es waren so viele, dass seine Mitschüler scherzten: Der macht bestimmt mal einen Amoklauf.

Die Anzeichen, dass etwas nicht stimmt, mehrten sich. Tims Schwester sagte zu Freunden, Tim sei „total gestört“, man merke, „dass er zerbricht“. Er war isoliert, die anderen machten sich über ihn lustig. Freundinnen hatte er keine, einmal rief er zu Silvester ein Mädchen an, aber auch das machte sich über ihn lustig. Das Mädchen starb am 11. März 2009 durch drei Schüsse.

2007 ging Tim das erste Mal zum Schulpsychologen. Der stellte fest, dass Tim keine Motivation und keine Interessen habe. Jörg K. ging darüber hinweg, er wollte, dass Tim das Gymnasium besucht. Doch Tim schaffte 2008 mit Mühe die Realschule. Der Sohn erlebte täglich das eigene Scheitern, der Vater sah ihn als Siegertyp. Irgendwo dazwischen muss in Tim der Wunsch entstanden sein, es allen zu zeigen.

Tim K. zog sich immer mehr zurück, die Familie bekam nicht einmal mehr mit, wann er schlafen ging. Er veranstaltete mit seinen Softair-Waffen auf dem Spielplatz „Schlachten“, ballerte am Computer. Er zielte dabei immer auf den Kopf, das gab mehr Punkte. Doch die Eltern konnten oder wollten nicht wahrhaben, dass da ein Kind lebte, „das irgendwann keine normalen Hemmungen mehr hatte“, wie Günter Just sagt.

Just ist einer der Nebenkläger. Nach den Plädoyers kommen auch sie zu Wort, sie sprechen über ihre toten Kinder, ihre toten Verwandten. 41 sind es, sie füllen mit ihren 19 Anwälten den halben Saal, was die leere Anklagebank noch absurder erscheinen lässt. Just ist Polizist, ein einfacher Mann in Jeans. Als ihn am Morgen des 11. März 2009 sein Sohn aus der Albertville-Realschule anrief und von Amok redete, glaubte er erst, sein Sohn habe etwas angestellt. Er fuhr zur Schule, doch der Junge war nicht da. Just fand ihn drei Kilometer entfernt. Der Sohn war, als Tim K. aus vier Metern Entfernung zu schießen begann, über eine Feuerleiter aus der Klasse geklettert und gerannt. Immer weiter, er konnte nicht mehr aufhören zu rennen.

Damit war es für Just nicht zu Ende. Als er mit seinem Sohn zu Hause war, erfuhr er, dass sein Bruder tot war. Der Installateur Franz Just hatte im Park der Klinik gearbeitet, durch den Tim K. flüchtete. Tim K. schoss vier Mal auf ihn. Als der schwer verletzte und blutende Franz Just stolperte, schoss Tim K. noch einmal, direkt in den Kopf. Günter Justs Stimme zittert. Er trägt im Dienst selbst eine Waffe. Und er versteht nicht, wie jemand eine Pistole herumliegen lassen kann. „Für mich ist es so, als hätte der Vater die Morde selbst begangen.“

Überhaupt die Waffen des Vaters: keine Sportgewehre, wie sie etwa von Biathleten verwendet werden. Sondern Pump-Action-Shotguns, Waffen, mit denen SEK-Kommandos arbeiten. Dazu mehr als tausend Schuss Munition. Jörg K. liebte seine Waffen über alles, in die Gewehre hatte er die Namen der Kinder eingravieren lassen. Die Waffen waren auch der einzige Draht, den er zu seinem Sohn hatte. Als Jörg K. im Januar 2009 seinen 50. Geburtstag feierte, schenkte Tim ihm Munition.

Manchmal kommen Tragödien an einen Wendepunkt, an dem es so aussieht, als könnte das Schicksal doch noch einen anderen Lauf nehmen. Als würde sich alles zum Guten wenden. In Tims Leben war dies der April 2008. Da ging er mit einem Artikel aus dem Internet zu seiner Mutter und sagte: „Mama, ich weiß jetzt, woran es liegt, dass ich so schlecht in der Schule bin.“ Im Artikel ging es um eine manisch-depressive Erkrankung.

Die Mutter ließ sich einen Termin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie geben. Dort sprach Tim offen über seine Aggressionen, darüber, dass er die ganze Welt umbringen wolle. Was die Eltern davon erfuhren, wird ein Rätsel bleiben. Ob Worte wie atypischer Autismus oder Psychose im Raum standen und Tim „noch viel kranker war, als uns bekannt ist“, wie es ein Gutachter ausdrückt. Oder ob die Eltern das Gefühl hatten, dass sich „das auswachsen wird“, wie Jörg K.s Verteidiger sagen. Die Psychiater sagen nichts, ärztliche Schweigepflicht. Eine Bekannte, die mit Jörg K. über Tim sprach, behauptet erst, der Vater wusste alles. Dann widerruft sie ihre Aussage und dann den Widerruf. Fest steht, dass die Ärzte nichts von den Schusswaffen im Hause K. ahnten.

Der Vater beschloss, dass Tim unter Leute muss. Er nahm ihn mit zum Schießstand, der für ihn „ein gesellschaftlicher Treffpunkt“ war. Eine fatale Entscheidung. Nur ein einziges Mal öffnet sich der Sohn, erzählt von seinen Fantasien, Menschen zu töten. Und der Vater bringt ihm daraufhin bei, wie man schießt. Sie schossen mit der Beretta, der späteren Tatwaffe. Tim konnte sie bald schneller laden als sein Vater.

Ein Gutachter spricht von einer „Schwäche in der Wahrnehmung des Vaters“. Tims Mutter will ebenfalls nichts geahnt haben, vor Gericht verweigert sie die Aussage. Erst kurz vor dem Urteil darf ein Polizeiprotokoll verlesen werden. Darin nennt sie Tim ein „fröhliches, wuseliges Kind“. Um ihm eine Freude zu machen, kaufte sie ihm nicht jugendfreie Gewalt- und Horrorvideos.

Am Morgen des 11. März 2009 sei alles wie immer gewesen. Die Mutter las Zeitung, Tim saß im Schlafanzug vor Kuchen und Kakao. Irgendwann muss er die Beretta geholt haben. Sie lag im Schlafzimmer, hinter Pullovern, weil der Vater Angst vor Einbrechern hatte. Es war die einzige Waffe, an die Tim herankam. Den Code zum Waffentresor des Vaters kannte er nicht. Ein Amokläufer wie Tim K. hätte sonst auch mehr Waffen dabeigehabt, das weiß man aus Forschungsarbeiten über solche Verbrechen. „Wäre die Waffe vorschriftsmäßig verwahrt gewesen, hätte der Amoklauf nur in der Fantasie stattgefunden“, sagt ein Nebenkläger. Doch Tim K. erschoss acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen. Auf der Flucht tötete er drei Passanten und sich selbst.

Eine Prozesspause. Die Eltern der toten Jugendlichen ziehen sich in einen kleinen Saal zurück. Auf einem Tisch stehen Kekse und Gummibärchen, es ist wie am Elternabend. Sie wollten keine Rache, sagt ein Vater. Sie hätten Jörg K. nur gerne kennengelernt. Hätten etwas über seinen Sohn erfahren und darüber, welche Anzeichen von Gefahr es gab. Von Eltern zu Eltern gewissermaßen.

Doch Jörg K. bleibt alle Antworten schuldig. Kein Wort über Tim oder über die Familie. Bei der Polizei behauptete er, man sei mit Tim in die Klinik gefahren, damit er eine Depression diagnostiziert bekommt und nicht zum Militärdienst muss. Auch zivilrechtlichen Forderungen versucht er sich zu entziehen. Nach der Tat hat er seine Firma seiner Frau überschrieben.

Am nächsten Verhandlungstag, 1. Februar, erscheint Jörg K. doch plötzlich vor Gericht, das erste Mal seit Oktober. Ein gedrungener Mann mit schütterem Haar, in sich gesunken hört er seinen Verteidigern zu. Sie beantragen, von einer Strafe abzusehen, weil Jörg K. unter der Tat stark leide. Ob er noch etwas sagen wolle, fragt der Richter. Da endlich spricht Jörg K. Sagt, dass es ihm leidtue. Dass er die Verantwortung für seinen Sohn und seine Fehler übernehme. Er weint – für zwei Minuten der verantwortungsvolle Vater. Ob Tim K. ihn so gekannt hat?

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