Welt : „Wir haben sie"

Nach Wochen der Angst atmeten Millionen von Menschen auf, als sie die Nachricht von der Ergreifung des Serienkillers von Washington hörten

Friedemann Diederichs[Washington]

Von Friedemann Diederichs,

Washington

Am Ende ging alles ganz schnell. Kein Schusswechsel, keine spektakuläre Verfolgungsjagd, wie sie Hollywoods Regisseure so gern in Szene setzen. In wenigen Sekunden überwältigte das Sondereinsatzkommando die beiden Männer, die rund 70 Kilometer von Washington entfernt auf einem Autobahn-Rastplatz in ihrem blauen Chevrolet Caprice dösten. Sie waren schlaftrunken und leisteten um kurz nach drei Uhr nachts keinen Widerstand. Bei der Durchsuchung des Fahrzeugs entdeckten die Ermittler dann ein Gewehr vom Typ „Bushmaster 223“ - eine zivile Variante des M 16-Sturmgewehrs der US-Armee, das zudem noch ein Zielfernrohr und eine Stützvorrichtung aufwies sowie mit jener Munition beladen wird, mit der die 13 Opfer des Heckenschützen in den letzten drei Wochen mit jeweils einem einzelnen Schuss niedergestreckt worden waren.

„Tonnen von Beweisen“

Deshalb meldeten nur Stunden später bereits die ersten amerikanischen Fernsehsender der gerade erwachenden Nation: Der „Sniper“ und sein mutmasslicher Helfer, sein erst 17jähriger Stiefsohn, sind aller Voraussicht nach gefaßt. „Ich bin sicher, wir haben sie“, freute sich gestern einer der leitenden Fahndungsbeamten und verwies auf „Tonnen von Beweisen“. Offiziell gab sich das Justizministerium zunächst noch zurückhaltend und verwies darauf, dass noch keine Anklage gegen die Verhafteten erhoben worden sei.

Bestätigt sich jedoch die Annahme der Ermittler, wäre damit eine der spektakulärsten Mordserien der amerikanischen Geschichte beendet und aufgeklärt. Zehn Tote, dazu drei Schwerverletzte seit Anfang Oktober - das ist die Bilanz des Heckenschützen, der seit gestern für die zutiefst beunruhigte Öffentlichkeit ein Gesicht und einen Namen hat: John Allen Muhammad, ein 42 Jahre alter Ex-Soldat und Golfkriegs-Veteran, der sich bis zum Herbst vergangenen Jahres noch John Allen Williams nannte, dann aber zum Islam konvertierte und auch seinen Nachnamen änderte.

Kurz nach seiner Festnahme, die einem aufmerksamen Tankstellen-Mitarbeiter zu verdanken ist, warteten die US-Medien bereits mit einem möglichen Motiv für die Attentate auf: Williams alias Muhammad, der keine spezielle Scharfschützen-Ausbildung während seiner Militärzeit genossen hatte, soll heftige Sympathien für die Attentäter des 11. September 2001 und Osama Bin Laden gehegt haben, was dann letztlich zu den Bluttaten und wahllosen Anschlägen auf nichtsahnende Bürger, vom Schuljungen bis zum rasenmähenden Rentner, führte. „Er hat sich immer wieder wohlwollend über die Anschläge in New York und Washington geäußert,“ sollen Nachbarn und eine frühere Freundin der Polizei mittlerweile berichtet haben. Einen Kontakt zu Al Qaida scheint er aber nach bisherigem Erkanntnisstand nicht gehabt zu haben.

Sympathie für bin Laden

In den vergangenen Tagen hatte die Polizei Kritik an ihren Ermittlungs- und Fahndungsmethoden einstecken müssen, weil der Eindruck entstand, sie sei hilflos, ratlos und zu wenig koordiniert. Dass die Polizei nach wochenlangem Stillstand doch nun diesen überraschenden Erfolg melden kann, liegt wohl daran, dass sich einer der beiden Verdächtigen einen kleinen, doch letztlich verhängnisvollen Fehler leistete. Ein Fehler, der gleichzeitig enthüllt, dass der Heckenschütze sein blutiges Werk offenbar bereits am 21. September dieses Jahres im Süden der USA begonnen hatte: An diesem Tag waren in der Stadt Montgomery im Bundesstaat Alabama zwei Angestellte eines Alkohol-Geschäftes beschossen worden, als sie abends den Laden verließen. Eine Frau starb, eine weitere wurde schwer verletzt.

Den Hinweis auf eine Verbindung dieser Tat zur Mordserie in Washington haben dann möglicherweise die Täter selbst gegeben: In einem anonymen Anruf bei der Telefon-Hotline des FBI habe ein Mann darauf verwiesen, man solle doch einmal den Anschlag von Alabama mit den Attentaten im Raum Washington vergleichen. Offenbar habe sich der Anrufer auch mit dieser Tat brüsten wollen, hieß es gestern.

Doch was der Anrufer nicht wußte, war: Auf einer Waffen-Zeitschrift, die vor dem Geschäft in Alabama gefunden wurde, hatten FBI-Laborangestellte einen Fingerabdruck orten können, dessen Auswertung schließlich zum 17jährigen John Lee Malvo, dem Stiefsohn Muhammads, führte. Auch gab es erhebliche Übereinstimmungen zwischen einem Phantombild des der Person, der den Überfall in Alabama verübt haben soll, und einem Foto Malvos.

Kryptische Nachricht

Daraufhin durchsuchten Beamte am Mittwochabend zunächst einen früheren Wohnsitz der beiden nahe Tacoma im an der Westküste gelegenen US-Bundesstaat Washington, tausende von Meilen von den Tatorten der Mordserie entfernt. Dabei wurden schnell klar, dass auf diesem Grundstück – nahe des ehemaligen Stationierungsortes des Soldaten – intensive Schießübungen durchgeführt worden waren. Unter anderem sägte die Polizei einen Baumstamm ab, in dem Dutzende von Kugeln vermutet wurden.

Wenig später präsentierte der bis dahin wenig glücklich agierende Polizeichef Charles Moose, der noch Stunden zuvor vor laufenden Kameras eine weitere kryptische Nachricht an den Heckenschützen übermittelt und diesen erneut um Kontaktaufnahme gebeten hatte, erstmals ein Fahndungsfoto des früheren Armeeangehörigen und das Kennzeichen seines Fahrzeugs. Dieses weist im übrigen keinerlei Ähnlichkeit mit einem immer wieder angeblich an Tatorten gesichteten weißen Kastenwagen auf. Die Geschichte von dem weißen Kastenwagen scheint auf einer völlig falschen Wahrnehmung von Zeugen zu beruhen. Dennoch: Man gibt sich seit gestern in Polizeikreisen überzeugt, die richtigen Männer gefasst und damit auch die Kritiker eines Besseren belehrt zu haben.

Die Fabel der Cherokee-Indianer

In einem Anruf übermittelte die FBI-Führung gestern bereits US-Präsident George W. Bush die erlösende Nachricht, auf die eine ganze Nation gewartet hat: „Wir haben den Fall offenbar geklärt.“ Jede Menge Hinweise, so die Bundespolizei, deuteten auf eine Verwicklung der beiden Festgenommenen in die Attentats-Serie hin, die zuletzt zu einer Eskalation der Furcht geführt hatte.

Denn noch nicht einmal 24 Stunden vor der Überwältigung von Muhammad und Malvo hatte die Drohung des Heckenschützen, auch Kinder seien jetzt nirgendwo und nirgendwann mehr sicher, zu heftigen Reaktionen der Bevölkerung geführt.

Zahlreiche Eltern im Großraum Washington hatten zunächst ihre Kinder nicht mehr zum Unterricht geschickt, obwohl die Schulen alle Veranstaltungen im Freien gestrichen hatten. Die Fahndungsbemühungen waren darauf verstärkt worden, doch am Ende waren es weniger die Arbeit der Polizei als der Mitteilungs-Drang des mutmaßlichen Todesschützen über Telefonanrufe und schriftliche Notizen sowie die schnelle Auffassungsgabe eines Zeugen, die den Weg zu den überraschenden Festnahmen ebneten. In seiner letzten Nachricht an den Heckenschützen hatte Polizeichef Charles Moose am Mittwochabend noch auf ausdrücklichen Wunsch des Attentäters den merkwürdigen Satz verlesen: „Wir haben den Schützen wie eine Ente in einer Schlinge gefangen.“

Dann forderte Moose den „Sniper“ auf, wieder Kontakt aufzunehmen. Die mysteriöse Botschaft geht anscheinend auf eine Fabel der Cherokee-Indianer zurück. Darin versucht ein aufschneiderisches Kaninchen eine Ente in der Schlinge zu fangen. Der Wasservogel scheint gefangen, fliegt aber überraschend davon und zieht das Kaninchen hinter sich her. Der wichtigtuerische „Jäger“ stürzt auf einen Baumstumpf. War dies schon eine Vorahnung des Täters, dass seine mörderische Rundreise bald ein Ende finden würde?

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