WM im Kopfrechnen : Wenn der Nachbar den Schwan würgt

In Gießen findet die Weltmeisterschaft im Kopfrechnen statt. Die Rechenkünstler helfen ihrem Gedächtnis mit Bildern auf die Sprünge - und vollbringen schier unglaubliche Leistungen.

Gießen - Schon einmal von Oktilliarden, Sexdezilliarden oder gar Nonilliarden gehört? Für Rüdiger Gamm sind Zahlenungeheuer wie diese tägliches Brot. Während der Weltmeisterschaft im Kopfrechnen im hessischen Gießen zeigt er, was das heißt: Innerhalb kürzester Zeit ermittelt der 35-Jährige die hundertste Potenz einer zweistelligen Zahl. Das Ergebnis, von Gamm nach wenigen Sekunden aufgesagt, hat 170 Stellen. "Das hat vor mir noch keiner gemacht", sagt er nach der Aktion.

Gamm verfügt über eine so genannte Inselbegabung, die sich bei ihm in einem besonderen Talent für Zahlen ausdrückt. Während viele Menschen mit dieser Eigenart gleichzeitig an einer Hirnschädigung wie Autismus leiden, haben Wissenschaftler bei dem Baden-Württemberger eher eine Verbesserung des Denkorgans diagnostiziert: Die Hirnlappen sind bei ihm größer als üblich, zudem nutzt Gamm Regionen, die bei anderen ungenutzt bleiben.

Bilder und Geschichten lassen sich einfacher merken

Um seine kolossalen Potenzen im Kopf zu kalkulieren, kombiniert der 35-Jährige Zahlengruppen, die er berechnet, mit solchen, die er auswendig gelernt hat. Das erfordert nicht nur Talent, sondern auch Übung. Und im Gießener Mathematikum, Austragungsort der Kopfrechen-WM, erfahren die Besucher bei dieser Gelegenheit, wie auch sie ihre eigenen grauen Zellen trainieren können. Der Trick scheint simpel: Bilder und Geschichten lassen sich einfacher merken als abstrakte Informationen.

So zeigt Ralf Laue, Gedächtniskünstler und WM-Organisator, wie sich im Grunde auch Unbegabte die ersten 20 Stellen der Kreiszahl Pi merken können. Zunächst werden den Ziffern von 0 bis 9 Buchstaben zugeordnet. "Diese Verbindung muss man lernen", sagt Laue. Alles andere ist mehr oder weniger Assoziation. Pi lernt man am Besten in Gruppen zu je zwei Ziffern. Mit den dazugehörigen beiden Buchstaben muss ein Wort assoziiert werden, mit den Wörtern dann eine Geschichte.

Alles ganz einfach? So wirkt es zumindest, wenn man einem anderen deutschen WM-Teilnehmer zusieht: Boris-Nicolai Konrad hat es mit seinem Können schon mit 22 Jahren auf einige Siegerpodeste und in die TV-Show "Wetten dass..?" geschafft. Im Mathematikum merkt er sich vor Publikum die Reihenfolge von 52 Spielkarten schneller als die meisten die Karten nebeneinander auf den Tisch legen können. Auch hier spielen assoziierte Bilder eine Rolle.

"Wenn der Nachbar einen Schwan würgt, steht das für die Pik zwei"

Konrad hat sich im Kopf einen Weg zurechtgelegt, der ihn geistig durch sein Haus und die Nachbarschaft führt. Ereignisse an bestimmten Orten des Weges symbolisieren die Spielkarten, je absurder desto besser zu merken: "Wenn der Nachbar einen Schwan würgt, steht das für die Pik zwei", sagt der Physikstudent. Die Weltbestzeit beim Kartenlernen liegt übrigens bei 30 Sekunden. Doch die will Konrad möglichst bald unterbieten.

Ein anderer Rekord fällt in Gießen schon vorher: Dem Spanier Ramon Campayo gelingt es, die Reihenfolge von 50 Binärziffern in nur zwei Sekunden auswendig zu lernen. Der alte Rekord lag bei 48 Ziffern. Und auch die jüngsten WM-Teilnehmerinnen zeigen im Rahmenprogramm, was sie können: Die neunjährige Inderin Kinjal Divesh Shah und ihre zwei Jahre ältere Schwester Pooja multiplizieren vierstellige Zahlen im Kopf schneller als manche sie addieren können.

Den Publikumspreis der WM hält zum Schluss übrigens Rüdiger Gamm in den Händen. Mit seinen blitzschnellen Nonilliarden-Berechnungen hat er sich durchgesetzt gegen die meisterhaften Wurzelzieher und Kalenderrechner unter den anderen WM-Kandidaten. Seinen Lebensunterhalt verdient Gamm vor allem mit Seminaren und Beratertätigkeiten. Eine wissenschaftliche Karriere blieb ihm hingegen verwehrt: In der Schule ist er über die Mittlere Reife nicht hinausgekommen. (Von Tim Lochmüller, ddp)

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