Wo aus Mücken Elefanten werden : Neu-Delhi kämpft mit einer Dengue-Epidemie

Indiens 16-Millionen-Einwohner-Hauptstadt Neu-Delhi wird der Mücken nicht mehr Herr. Vor den Commonwealth Games kämpft die Stadt mit der schlimmsten Dengue-Epidemie seit langem.

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Das Sportlerdorf, in dem während der Spiele 7000 ausländische Athleten wohnen sollen, zählt zu den Dengue-Hochburgen. Das Brachland und die Straßen rund um die Siedlung sind seit Wochen überflutet.
Das Sportlerdorf, in dem während der Spiele 7000 ausländische Athleten wohnen sollen, zählt zu den Dengue-Hochburgen. Das...Foto: AFP

Indiens Armee hat womöglich einen neuen Feind: Er ist drei bis vier Millimeter groß, blutrünstiger als der ungeliebte Nachbar Pakistan und mit Viren bewaffnet, die selbst gestandene Mannsbilder für Tage außer Gefecht setzen. Indiens 16-Millionen-Einwohner-Hauptstadt Neu-Delhi wird der Mücken nicht mehr Herr und kämpft mit der schlimmsten Dengue-Epidemie seit langem. In der Not schlug Gesundheitsministerin Kiran Walia vor, die Armee zur Hilfe zu rufen, um den Virenbombern, die das gefürchtete Knochenbrecher-Fieber verbreiten, den Garaus zu machen.

Die Dengue-Epidemie könnte Indiens Ruf böse lädieren. Für das Gandhi-Land geht es dieser Tage um sein Image. Neu-Delhi richtet vom 3. bis 14. Oktober erstmals die prestigeträchtigen Commonwealth Games, die kleine Olympiade von Großbritannien und seinen früheren Kolonien, aus. Dabei wollte Indien der Welt beweisen, dass es selbst den Rivalen China, der 2008 mit den Olympischen Spielen glänzte, in den Schatten stellt. Doch es läuft schief, was schieflaufen kann.

Drei Wochen vor den Spielen sind angeblich nicht einmal die Medaillen bestellt, die Stadien und Bauten ertrinken in Monsunfluten und Schlamm. Und in den Tümpeln feiern die Mücken fröhlich Brutorgien. Die 71 Teilnehmernationen fürchten inzwischen um die Gesundheit der 15 000 Sportler und Abgesandten. Australien und Malaysia haben als Gesundheitstipps verkappte Reisewarnungen erlassen, und auch andere Nationen drängen Neu-Delhi vehement, den Schutz der Sportler zu garantieren.

Die Sorge ist begründet. Bereits jetzt wurden in der Stadt fast 1600 Kranke gezählt. Das sind mehr als im ganzen Jahr 2009 – und die offiziellen Zahlen sind traditionell massiv untertrieben. Hinter vorgehaltener Hand berichten Ärzte von 400 Fällen jeden Tag allein in einem Krankenhaus. Dabei steht das Schlimmste noch bevor – im Oktober ist Dengue-Hochsaison. Die Hospitäler sind bereits jetzt überfüllt. Zu Dengue gesellen sich zudem noch Cholera, Typhus, Gelbsucht und die „Eye Flu“, Augengrippe. „Delhi – Seuchenhauptstadt Nummer eins“, titelten Zeitungen.

Besonders prekär ist, dass ausgerechnet das Sportlerdorf, in dem während der Spiele 7000 ausländische Athleten wohnen sollen, zu den Mücken- und Dengue-Hochburgen zählt. Das Brachland und die Straßen rund um die Siedlung sind seit Wochen überflutet. „Das Dorf liegt am Flussbett des Yamuna, das ein natürliches Brutgebiet der Moskitos ist“, sagt Professor Bir Singh vom All India Institute of Medical Sciences (AIIMS). „Aber daran haben die Organisatoren offenbar nicht gedacht, als sie das Gelände auswählten.“ Die ersten Opfer fand die Seuche bereits unter Indiens eigenen Hoffnungsträgern. Das indische Radrenn-Team wollte sich in Neu-Delhi vorbereiten, brach das Training nach wenigen Tagen ab – elf der 18 Sportler lagen mit Virusinfekten darnieder, drei davon mit Dengue.

Die Krise ist symptomatisch für Indiens sorglosen, ja fahrlässigen Umgang mit Risiken. Natürlich hätte sich die Epidemie eindämmen lassen, wenn die Behörden die Brutstätten rechtzeitig besprüht und Tümpel trockengelegt hätten. „Es wurde kein konkreter Plan ausgearbeitet und umgesetzt“, empört sich Experte Singh. Dengue wird auch Knochenbrecher-Fieber genannt. Selbst sechs Paracetamol kommen nicht gegen die Schmerzen an, die ein anständiger Dengue-Infekt hervorruft. Überträger sind Gelbfieber- und Tigermücken. Zur Eiablage genügen ihnen kleinste Mengen stehenden Wassers etwa in einer Vase oder einem Blumen-Untertopf.

Um zumindest das Sportlerdorf moskitofest zu machen, sprach Gesundheitsministerin Walia nun bei der Armee vor. „Wir haben uns an die Armee gewandt, weil sie weit besser ausgerüstet ist, flutähnliche Situationen zu meistern“, sagte sie. Ob allerdings Indiens stolze Soldaten nun tatsächlich gegen die Mücken vorrücken, ist noch nicht ausgemacht. In der Regierung sorgt man sich, dass ein solch drastischer Schritt noch mehr Panik schürt. „Neu-Delhi kann es sich nicht leisten, den Eindruck zu erwecken, dass wir in einer Notstands- oder Epidemie-gleichen Situation sind“, meint ein Beamter.

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