Welt : Wo das Grauen wohnt

Die drei Kinder von Amstetten haben wohl nie das Tageslicht gesehen. Jetzt sind sie frei. Wie wird ihr Leben in Zukunft sein?

Bas Kast,Hartmut Wewetzer

Es war ein karger Keller, manche sprechen von einer 60 Quadratmeter großen Hölle, in der drei Kinder von Josef Fritzl und dessen Tochter aufwuchsen: K., 19, S., 18, und F., fünf.

Bis zu ihrer Befreiung haben sie vermutlich nie Tageslicht gesehen. Ihr Kontakt zur Außenwelt bestand aus einem Fernseher und einem Radio. Darin sahen die Kinder, dass es so etwas wie Skateboards, Schwimmbäder, Berge und Freiheit gibt. Und sie erfuhren es wohl aus den Geschichten ihrer Mutter, nie aber am eigenen Leib.

Stattdessen lebten sie in ständiger Angst vor ihrem Vater, der zugleich ihr Großvater war, und dem es offenbar gelungen ist, eine massive Drohkulisse aufzubauen und die Familie dermaßen einzuschüchtern, dass es nicht zu einer Rebellion kam. Die Kinder mussten vermutlich wiederholt miterleben, wie ihre Mutter vergewaltigt wurde. Es bleibt für Außenstehende unbegreiflich, unter welchen psychischen Bedingungen die Kinder aufwuchsen. Selbst Experten sind weitgehend ratlos. „Es gibt einfach keine anderen Fälle in diesem Ausmaß“, sagt zum Beispiel Isabella Heuser, Psychiatrie- Chefin an der Berliner Charité.

Zwar sind in der Geschichte der Psychiatrie Fälle von Kindern dokumentiert, die extrem vernachlässigt wurden und isoliert aufwuchsen. Ein berühmtes Beispiel ist das Mädchen Genie – das einzige „Wolfskind“, das in einer modernen, westlichen Großstadt des 20. Jahrhunderts entdeckt wurde. Ihre Eltern hatten Genie schon als kleines Kind in ein dunkles Zimmer in Los Angeles gesperrt. Viele Jahre verbrachte sie in „Einzelhaft“, tagsüber gefesselt, nachts in einem Schlafsack verschnürt wie in einer Zwangsjacke. Ihr Vater hatte versucht, seine Tochter von der angeblich „bösen Außenwelt“ abzuschirmen. Als sie schließlich befreit wurde, war das Mädchen ausgemergelt und klein und konnte nicht sprechen. Damit hat sie bis heute große Probleme. Genau weiß man es nicht, da der Kontakt mit Genie anwaltlich verboten ist.

Genie ist allerdings ein Einzelfall und nicht zu vergleichen mit den Kindern von Fritzls Tochter, die gemeinsam mit ihrer Mutter aufwachsen konnten. Und nicht, wie Genie, in fast vollständiger Reizabwesenheit. Bei Genie hat dies zu bleibenden Hirnschädigungen geführt.

Die Situation der Kinder von Amstetten war in dieser Hinsicht anders. Durch den Fernseher und das Radio hatten sie zumindest ein kleines Fenster zur Außenwelt. Sie konnten von ihrer Mutter lernen. Sie hatten wenigstens Kontakt zueinander, konnten miteinander reden, sich unterstützen. Ob es dennoch bleibende intellektuelle Einbußen gibt, vermag derzeit kein Psychiater aus der Ferne einzuschätzen.

Auch über die mutmaßlichen körperlichen Folgen des Kerkerdaseins kann man nur Vermutungen anstellen. Da ist zum einen der Mangel an Sonnenlicht. Man braucht Sonnenlicht, damit sich in der Haut Vitamin D bildet. Vitamin D wiederum benötigt der heranwachsende Körper unter anderem, um Knochen und Skelett normal zu entwickeln. „Drei Viertel unseres Bedarfs an Vitamin D decken wir über die Sonne“, sagt Dirk Schnabel vom Otto-Heubner-Centrum für Kinder- und Jugendmedizin der Charité.

Vitamin-D-Mangel führt häufig zu Rachitis: Die Knochen sind dann weich und verbiegen sich, weil infolge des Vitaminmangels Kalzium fehlt. Die Knochenverbiegungen lassen sich im späteren Erwachsenenleben nicht mehr gerade rücken, auch wenn man die Knochen selbst durch eine ausgewogene Ernährung stärken kann.

Der Bewegungsmangel in den engen Räumen schwächt den Aufbau gesunder Knochen und Muskeln. „Einen großen Teil unserer Informationen aus der Umwelt bekommen wir, indem wir uns bewegen“, sagt der Physiologe Hanns-Christian Gunga von der Charité. Umweltreize waren zwar vorhanden, aber die Enge dürfte die normale körperliche Entwicklung der Kinder behindert haben, wie Gunga annimmt.

Vernachlässigte oder lieblos erzogene Kinder leiden, wie man aus Beobachtungen in englischen Kinderheimen gelernt hat, eher an Minderwuchs und verspäteter Pubertät. Das hängt damit zusammen, dass ihre Hirnanhangdrüse (Hypophyse) nicht richtig arbeitet. Die Hirnanhangdrüse ist die Hormonzentrale des Körpers, in der das Wachstumshormon gebildet und Stoffwechsel und Sexualität gesteuert und beeinflusst werden. Verbessern sich die Lebensbedingungen, normalisieren sich auch der Hormonhaushalt und der Stoffwechsel wieder.

Ein weiteres und irreversibles Problem im Fall von Amstetten ist das hohe Risiko genetischer Störungen. Vater und Tochter haben 50 Prozent ihrer Erbanlagen gemein. Das kann dazu führen, dass im Normalfall durch ein intaktes Gen unterdrückte Krankheiten nun zu Tage treten. Wie hoch diese Gefahr ist – darüber kann man nur spekulieren.

Manche Wissenschaftler gehen von einem Risiko von bis zu 50 Prozent aus. Andere, wie der Berliner Humangenetiker Hans-Hilger Ropers vom Max- Planck-Institut für Molekulare Genetik, halten das für deutlich zu hoch gegriffen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Immerhin spricht die Tatsache, dass sechs der sieben Kinder bis heute überlebten, eher gegen ein hohes 50-Prozent-Risiko.

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