Welt : Wo keine Regeln mehr gelten

Weil sich ein Schüler schikaniert fühlte, ermordete er mit dem Bruder seine Lehrerin. Alle wussten von dem Konflikt. Keiner tat etwas

Nadia Berr[Lübeck]

Wenn jemand getötet hat, gibt es über ihn selten nur Gutes zu hören. Alex O. guckt selber ungläubig, als traue er seinen Ohren kaum. Sein Chemielehrer vor ihm ist nicht gerade für ein offenherziges Auftreten bekannt. Doch jetzt, wo Alex auf der Anklagebank sitzt, erfährt er von ihm, dass er ein „prima Kerl“ und im Lernverhalten sogar „der Beste“ war. „Ich mochte ihn sehr“, wird auch seine Englischlehrerin später dem Gericht auf die Frage nach Alex’ Wesen zur Antwort geben. Vor dem Saal setzt sie noch hinzu, der 18-Jährige sei „ein hübscher Kerl, und irgendwie tut er mir auch Leid“.

Dass der junge Deutschrusse ein beliebter Schüler der Heimgarten-Realschule im schleswig-holsteinischen Ahrensburg war, macht für viele der Lehrer, die nun als Zeugen vor das Lübecker Landgericht geladen sind, das Dilemma aus: Es macht das Gerücht glaubhaft, dass er tatsächlich einer Strenge seiner Klassenlehrerin ausgesetzt war, die einzelne Mitschüler als „Schikane“ beschreiben. Auch die Lehrerin Isolde F. hatte in der Schule einen guten Ruf. Keiner ihrer Kollegen will je eine Ungerechtigkeit bei ihr erlebt haben. Erst nachdem sie im Januar von Alex und seinem Bruder Vitali getötet worden war, grausam mit Messerstichen in Rumpf und Hals, haben Geschichten über sie die Runde gemacht. Vor Gericht gilt es nun, diese wiederzugeben, ohne die geschätzte Lehrerin im Nachhinein in den Schmutz zu ziehen. „Tough, gewissenhaft, genau“, sagt der Geschichtslehrer der Klasse 10 c, wie er die 51-Jährige empfand. „Auch streng?“ „Teilweise war sie sicher auch streng“, kommt es vorsichtig zurück. „Oder sagen wir besser: Sehr konsequent.“ Alex wollte als Berufssoldat zur Bundeswehr. Von der Verwirklichung seines Wunsches trennte ihn nur noch eine Note: Er hatte eine Fünf in Deutsch. Seit Monaten hatte der junge Aussiedler um ein besseres Zeugnis gerungen, erst mit sich selbst im Kampf um Disziplin, irgendwann dann auch mit seiner Lehrerin Isolde F.

Vitali O., der gestanden hat, Isolde F. getötet zu haben, sagte: Er habe seinen kleinen Bruder unter der Lehrerin „leiden sehen“, ließ er verlesen. „Alex war seit Monaten schikanösen Handlungen seiner Lehrerin ausgesetzt.“ Am Abend des 15. Januar holte Alex Vitali im Ahrensburger Restaurant „Strehl“ von der Arbeit ab, wo Vitali eine Ausbildung zum Koch machte. Von dort nahmen sie ein Fleischermesser mit. Gegen 22 Uhr klingelten sie bei Isolde F. Er brauche ihre Hilfe, sprach Alex in die Gegensprechanlage, und die Frau öffnete die Tür. Vor ihrer Wohnung dann kam es zur Auseinandersetzung. Vitali stach mehrfach mit dem Messer zu. Der 21-Jährige hat alle Verantwortung auf sich genommen. Trotzdem bleibt Alex der Hauptangeklagte. Der Prozess scheint Alex eine Art Genugtuung zu verschaffen. Hier endlich kommt zur Sprache, wofür er in den Monaten vor der blutigen Tat kein Gehör gefunden hatte. Der Direktor der Schule hatte von seinen Problemen mit der Klassenlehrerin gewusst, auch der Sozialarbeiterin hatte sich der Schüler anvertraut. Geändert hatte sich dadurch aber nichts.

Die Familie von Alex und Vitali kam 1996 aus Kasachstan nach Deutschland. Obwohl Alex, damals zehn Jahre alt, zunächst kaum ein Wort Deutsch verstand, schaffte er es binnen kurzer Zeit aufs Gymnasium. Zunächst lief es gut, dann fiel er im Unterricht ab.

Isolde F., berichtete ihr Kollege aus dem Fach Geschichte, hat streng auf die Einhaltung von Regeln gepocht, „da gab es keinen Diskussionsspielraum“. Diese Regeln hatte eine Schulkonferenz im Jahr 2003 vorgegeben, nachdem es auf der Schule massive Probleme mit Störungen und mangelnder Mitarbeit im Unterricht gegeben hatte. Jedes Vergehen eines Schülers, hatte das paritätisch mit Eltern, Lehrer und Schülern besetzte Gremium deshalb vorgegeben, wird mit der Note Sechs bestraft. Nach diesem Beschluss hagelte es auch in der Klasse 10 c schlechte Noten, und auch Alex O. stand immer wieder abgestraft vor dem Klassenraum. Allen Lehrern und Schülern ist inzwischen eine Situation zu Ohren gekommen, die als Schlüsselszene gilt: Alex hatte für eine Klausur seine Textvorlage vergessen. Er flog raus, Note sechs. Doch auch sein Mitschüler Christoph B. hatte die Vorlage nicht dabei – und durfte trotzdem mitschreiben, wie er dem Gericht bestätigte. Ob die Schüler gegen diese Ungerechtigkeit nicht aufbegehrt hätten, erkundigte sich die beisitzende Richterin. Nein, sagte der Schüler: „Man kann in der Schule nicht alles sagen, was man denkt.“ So spitzte sich der Konflikt immer weiter zu, unter den Augen aller, und ohne dass irgendjemand sich berufen fand, zu schlichten. Im November bereits hatte die Sozialarbeiterin der Schule den Geschichtslehrer gebeten, vermittelnd einzugreifen. Alex hatte sich der Frau anvertraut. Tatsächlich verabredete der Lehrer mit Isolde F. ein Gespräch – für den 17. Januar. Zu spät. Da war die Lehrerin zwei Tage lang tot. Der Beschluss der Schulkonferenz, jedes Vergehen mit einer Sechs zu ahnden, ist an der Heimgarten-Realschule inzwischen außer Kraft gesetzt. Ob es einen Zusammenhang gibt mit dem Tod der Klassenlehrerin? Ja, sagt Geschichtslehrer Claus K., „ganz bestimmt“.

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