Welt : Wodka mit dem Herrscher

Um Turkmenistans Staatschef wird der Personenkult immer bizarrer – seine Verse gelten im Land als heilig

Elke Windisch[Moskau]

Es war für viele in Russland ein Schock. Ausgerechnet zum 125. Geburtstag Stalins schockten zwei recht bekannte Moskauer Dichter die Öffentlichkeit mit dem Vorhaben, das Lebenswerk eines anderen Diktators in Russische zu übertragen. Und zwar eines Diktators, der den Generalissimus Stalin noch übertrifft. „Ruchnama“ heißt das Buch, als Autor zeichnet der turkmenische Staatschef Saparmurat Nijasow. Ihm verlieh das Parlament der zentralasiatischen Sowjetrepublik am Ostufer des Kaspischen Meeres schon 1993 den Ehrentitel Turkmenbaschi – Führer aller Turkmenen, eines Vier-Millionen-Volkes, das eng mit den Türken verwandt ist.

Das „Ruchnama“ – wörtlich übersetzt: Buch des Geistes – gilt in dem Wüstenstaat inzwischen als heilig und nicht nur dem Koran ebenbürtig. Rund ein Drittel größer als die Bundesrepublik ist der Wüstenstaat. Der bizarre Personenkult um den Präsidenten dort ist in den Ländern der früheren Sowjetunion ohne Beispiel. Hofschranzen Nijasows versteigen sich allen Ernstes zu der Behauptung, „Ruchnama“ stelle sogar das erklärte Vorbild bei weitem in den Schatten: Das „Schah name“ – das Buch der Könige –, eine Sammlung altpersischer Epen und Legenden, Ende des 10. Jahrhunderts von Firdousi verfasst, der unweit der heutigen Grenze zwischen Turkmenistan und Iran geboren wurde und als Begründer der neupersischen Sprache gilt.

Firdousis Versedichtung kann man in Turkmenien lesen, Nijasows dagegen muss man lesen. Sein „Ruchnama“ ist, so es Lehrbücher nicht überhaupt ersetzt, Pflichtlektüre an den Grund- und Hochschulen des Landes. Ohne ausgiebige Zitate aus dem Machwerk haben nicht einmal promovierte Wissenschaftler, die früher an Marx und Lenin nicht vorbeikamen, eine Chance, gedruckt zu werden. Ob Stammzellenforschung oder die Satzung eines Bienenzüchtervereins – der Turkmenbaschi hat zu allem etwas Wegweisendes zu sagen. Und ist auch sonst allgegenwärtig. Parteien sind mit Ausnahme der „demokratisch“ gewendeten KP, deren Republikschef bis zur Unabhängigkeit 1990 Nijasow war, verboten. Als Mitte Dezember ohne Beteiligung der Opposition ein neues Parlament für Turkmenistan gewählt wurde, hatten alle Kandidaten ihren Wahlkampf auf sein Buch „Ruchnama“ konzentriert.

Das auf jugendlich retuschierte Porträt des fast 64-jährigen Präsidenten hängt an fast jeder Häuserwand in Aschgabat, der Hauptstadt des Landes. Hinter den Glitzerfassaden hockt die nackte Armut. Über 3000 Statuen landesweit bilden den Präsidenten in Stein, Bronze und zuweilen sogar blattvergoldet ab. So wie auf dem Monument der Unabhängigkeit, für das Nijasow persönlich Modell stand. Über 80 Meter hoch, dreht es sich so, dass die Sonne stets das Gesicht erstrahlen lässt. Vor ihrem Anführer haben die Turkmenen – äußerst liberale Muslime, von denen so manche sogar Schweinefleisch verzehren – nicht einmal Ruhe, wenn sie ihren Frust in Wodka ertränken wollen. Der Führer ist zwangsläufig mit von der Partie, sein Porträt vorsichtshalber in die Innenseite der Flasche eingraviert. Serdar heißt die Marke – Heerführer.

In eben dieser Pose lässt sich der Turkmenbaschi am liebsten darstellen. Meist auf seinem Lieblingshengst Yanar dagh – brennender Berg. Das Tier ist seit Dezember 2000 Teil des Staatswappens, Nijasow selbst wurde kurz zuvor vom Parlament zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt. Nach ihm nennen sich der internationale Flughafen, mindestens eine Straße in jedem Dorf und eine Hafenstadt, das einstige Krasnowodsk.

Inzwischen verpasste er seinen Untertanen auch einen neuen Kalender. In Kraft trat er am August 2002, einem Montag. Der heißt nun Basch günü, was man als Anfangs- oder Führertag übersetzen kann. Der August wurde nach einem legendären turkmenischen Heerführer in Alp Arslan – Löwenrecke – umbenannt. Die meisten neuen Namen für Wochentage und Monate indes haben engste Beziehung zu Nijasows Familie und dessen Vorlieben. So heißt der Januar jetzt Turkmenbaschi, der April nach Nijasows Mutter Gorbansultan ädsche, der Mai nach Nijasows Lieblingsschriftsteller Mahtum Kuli.

Dessen Werke gehören zu den wenigen, die Gnade vor Führers Augen fanden. Opernhaus und Ballett wurden als unturkmenisch und entartet inzwischen geschlossen. Der eigentliche Grund, so böse Zungen im Flüsterton, seien Personalprobleme: Die meisten der einstmals über 300 000 ethnischen Russen – zu Sowjetzeiten geschätzte Fachkräfte – haben dem Anführer inzwischen den Rücken gekehrt. Vor allem nach dem Verbot für Zeitungen aus Russland und für Satelliten-Schüsseln, mit denen Moskauer TV-Programme empfangen werden können. Selbst Putins gelenkte Demokratie hält der „Herrscher aller Turkmenen“ für systemgefährdend.

Die frühere Sowjetrepublik Turkmenistan betreibt einen Kult um ihren Staatsführer wie sonst wohl nur noch Nordkorea. Zugleich rechnet das zentralasiatische Land mit großen Gasvorkommen zu den repressivsten Regimen der Welt. Nach einem gescheiterten Attentat vor zwei Jahren hat der Präsident auf Lebenszeit Saparmurat Nijasow, der seit 19 Jahren herrscht, seine Macht und Kontrolle weiter ausgeweitet. 3000 Statuen von ihm gibt es in der islamisch geprägten Republik. Sein Lehrbuch „Ruchnama“ gilt als heiliger Text – und ist Pflichtlektüre in den Schulen. m.m.

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