Welt : Woher kam die Geschichte mit den fliegenden Kühen?

Die erfundene Skurrilität wurde mit einem Preis gekrönt, als Witz herumerzählt, bis sie ein deutscher Diplomat für bare Münze nahm Moskau(rtr).Berichte über fliegende Kühe halten dieser Tage deutsche Diplomaten schwer in Atem.Unter Berufung auf eine Depesche der deutschen Botschaft in Moskau an das Auswärtige Amt in Bonn, deren Autor unter anderem auf eine Reuters-Meldung Bezug genommen habe, meldete, wie berichtet, die "Hamburger Morgenpost": Russische Soldaten hätten im Fernen Osten des Landes Kühe per Flugzeug entführt, sie aber in der Luft aus der Maschine gestoßen, weil die unruhigen Tiere die Maschine ins Trudeln zu bringen drohten.Eine Kuh habe offenbar ein japanisches Fischerboot getroffen und versenkt.Die Geschichte hat nur einen Makel - sie stimmt so nicht. In den Reuters-Archiven findet sich nichts über fliegende Kühe, die japanische Fischerboote treffen - und auch den anderen großen westlichen Nachrichtenagenturen in Moskau ist derlei nicht erinnerlich.Das legt den Verdacht schon ziemlich nahe, daß die Story der Kategorie "Die Spinne in der Yuka-Palme" zuzuordnen ist - so der Titel einer Sammlung von Begebenheiten, die nachweislich aus dem Reich der Phantasie stammen, aber zur allgemeinen Freude immer wieder mal als wahrhaftig wahr verbreitet werden.Und auch sonst gibt es einige Hinweise, daß es sich bei der Kuh-Geschichte um einen Witz handelt.Da ist etwa der inzwischen zum Kultfilm aufgestiegene russische Streifen "Eigenheiten der Nationaljagd", in dem Kühe in Militärjets fliegen.Diesen Film nahm erklärtermaßen die Moskauer Tageszeitung "Komsomolskaja Prawda" vor etwa einem halben Jahr zum Anlaß, in der Rubrik "Erfundene Begebenheiten" das Phänomen der fliegenden Rinder zu schildern.Und vor einigen Wochen - es könnte Anfang April gewesen sein - tauchten die Kühe im Internet auf.Ein Surfer schlug vor, so fand der schottische Journalist Tom Morton heraus, die Geschichte mit einem skurrilen Preis auszuzeichnen. "Eine Quelle für die Geschichte im Internet gab es, soviel ich weiß, nicht," sagt Morton.Irgendwie landete die Mär in der US-Botschaft in Moskau, wo sie mit viel Gelächter aufgenommen wurde.Jemand, der sie dort gehört hatte, erzählte sie unter West-Diplomaten weiter - der Mann freilich versichert heute: "Ich habe das nie überprüft." So machte die Geschichte die Runde auch bis in die deutsche Botschaft und wurde dort im hauseigenen Info-Netz verbreitet - als "internes Kuriosum", wie ein Mitarbeiter sagt. Doch dabei blieb es offenkundig nicht: Die Kühe landeten in jenem offiziellen Bericht an das Auswärtige Amt in Bonn.Offiziell nimmt das Amt traditionsgemäß keine Stellung zu internen Schriftstücken.Aber ganz einfach schweigen mochte man wohl auch nicht, und so merkte ein Sprecher an: In England regneten schon mal Enten vom Himmel - warum solle das nicht anderswo mit Kühen passieren? Der mutmaßliche Autor der Depesche, nach dem "Morgenpost"-Bericht ein deutscher Oberst, war am Dienstag nicht erreichbar.Die russische Seite ist auskunftsfreudig.Wladimir Uwatenko, ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, verweist die Kuh-Episode lachend in das Reich der Märchen: "Die Geschichte ist reiner Unsinn - kein Wort ist wahr."

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