Welt : Woher kommen die Enthüllungen über Dr. Tod?

Plastinator Hagens hat sich von seinem Geschäftsführer in China im Streit getrennt – der hat inzwischen sein eigenes Leichengeschäft

Harald Maass[Peking]

Einst war er der Statthalter von Gunther von Hagens in Dalian. Professor Sui Hongjin von der Medizinwissenschaftlichen Universität in Dalian war lange Zeit einer der engsten Vertrautesten des Leichenpräparators. Mitte der Neunziger Jahre hatte der damalige Assistenzforscher bei von Hagens in Deutschland dessen Technik zur Plastination von Leichen studiert. Später führte er dessen Geschäfte in der Leichenfabrik in Dalian. Heute ist Professor Sui nicht nur einer der schärfsten Kritiker von Hagens – er ist auch dessen Konkurrent im lukrativen Geschäft mit Leichen.

Professor Sui, der von Hagens „Plastination Ltd." 2002 im Streit verlassen hatte, betreibt in Dalian die „Biological Plastination Co." Das Unternehmen, das mit einem Firmenkapital von einer Million Yuan (100000 Euro) registriert ist, hat seinen Sitz im oberen Stockwerk der Dalian Medical Science University, an der auch Professor Sui lehrt. „Biological Plastination" ist nicht im gleichen Hightechpark wie von Hagens Leichenfabrik gelegen, wo auf 30000 Quadratmeter 200 Angestellte arbeiten. Offenbar kopiert Professor Sui auch erfolgreich von Hagens Technik zur Plastination. Seit Anfang Januar werden in einer Ausstellung im Pekinger Naturhistorischen Museum plastinierte Leichen gezeigt, die aus Professor Suis Fabrik stammen. Die Sechs-Millionen-Einwohner-Industriestadt Dalian, dessen Innenstadt aus glänzenden Hochhaustürmen besteht, kann sich somit rühmen, Zentrum des internationalen Leichenhandels zu sein. Bis zu 75000 Euro zahlen Universitäten und Sammler laut „Spiegel" für einen von von Hagens’ plastinierten Ganzkörper. Professor Sui will dabei offenbar mitverdienen.

Professor Sui, aus dessen Korrespondenz der „Spiegel" in seiner Titelgeschichte mit von Hagens ausführlich zitiert, hat in der Vergangenheit immer wieder Vorwürfe gegen seinen Ex-Chef erhoben. Im Dezember 2002 trat Sui in Medienberichten als Kronzeuge auf, in denen er Zweifel an von Hagens in China erworbenen Professorentitel erhob. „Der Titel wurde ihm nur aus Höflichkeit gegeben", erklärte Sui. Im März 2003 warf er von Hagens Profitgier vor. „Wenn andere Universitäten zu uns kamen, zu unserer Firma, und nach Plastinaten fragten und auch wenn sie Interesse daran bekundeten etwas über die Plastination zu lernen, wurden sie alle zurückgewiesen. Also, Plastination heißt für Dr. Gunther von Hagens Profit machen – heißt nicht Lehre, nicht Forschung", sagte Sui dem Mitteldeutschen Rundfunk. Später wiederholte Sui seine Vorwürfe gegenüber dem „Stern". Möglicherweise war der Professor auch der Informant des „Spiegel", der von Hagens Geschäfte mit den Leichen von zum Tode verurteilten Chinesen vorwirft. In seiner Firma in Dalian war Sui am Mittwoch telefonisch nicht zu erreichen. Der Grund für das Zerwürfnis zwischen von Hagens und seinem ehemaligen Schüler ist bis heute unklar. Sui erklärt, dass er sich von von Hagens Praktiken distanziert und auf eigenen Wunsch dessen Firma verlassen habe. „Er hat sich verändert. Wenn er mal Wissenschaftler war – jetzt ist er purer Geschäftsmann", sagte Professor Sui vergangenes Jahr dem „Stern". Von Hagens erklärt dagegen, dass Sui bereits während seiner Anstellung bei „Plastination Ltd." heimlich ein Konkurrenzunternehmen aufgebaut habe.

Im chinesischen Geschäftsleben ist dies nicht unüblich. Von Hagens habe Sui im Frühjahr 2002 zur Rede gestellt, nachdem er erfahren hatte, dass Sui „mit dem in meinem Unternehmen erworbenen Know-how und zum Teil auf meine Kosten ein Konkurrenzunternehmen aufgebaut" habe, erklärt von Hagens auf der Webseite seiner Körperwelten-Ausstellung. Seitdem versuche Sui, sein Plastinationsverfahren zu kopieren.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben