Welt : „Wow, wir haben ein super Leben“

Die gute Botschaft fürs neue Jahr: Es gibt noch Deutsche, die glücklich sind. Heidi Klum übers Stillen, gebratene Flundern und sprechende Türen.

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Interview: Marc Kayser Heidi Klum, 33, gehört zu den bekanntesten Gesichtern der Werbebranche. Sie gewann in einer TVShow mit Thomas Gottschalk den Wettbewerb „Model ’92“, seitdem ist sie immer wieder auf Titelseiten internationaler Magazine zu sehen. Sie ist mit dem Sänger Seal verheiratet und hat drei Kinder.

Frau Klum, Sie sind eines der erfolgreichsten Models der Welt. Während sich Kolleginnen von Ihnen beinahe zu Tode hungern, um begehrt zu bleiben, gehen Sie den entgegengesetzten Weg.

Das stimmt. Mit jeder Schwangerschaft verliere ich mein sogenanntes Idealgewicht. Doch das beschäftigt mich nicht. Ich liebe Kinder. Und um Mutter zu werden, muss man Kompromisse eingehen. Man sollte die Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft mögen und nicht als negativ ansehen.

Das Topmodel als Hausfrau: Kochen Sie selbst?

Entweder ich oder mein Mann Seal. Gestern gab es Flunder. Ein herrlich unkomplizierter Fisch. Einfach in den Ofen schieben oder auf den Grill legen. Dazu einen schönen großen Salat mit Fenchel, Stangensellerie und bunten Paprika. Meine Kinder und mein Mann sind verrückt danach.

Keine Abneigung gegen Gräten?

Doch, aber es gibt ja Fisch mit wenig Gräten. Wenn wir im Restaurant unterwegs sind, darf aber jeder essen, was er will. Sushi, Misosuppe mit Algen. Wir setzen den Kindern keine Grenzen. Was sie probieren wollen, verwehren wir ihnen nicht, solange es gut für sie ist und natürlich.

Und zu Hause?Jeder darf essen, was er will?

Nein, da wird gegessen, was auf den Tisch kommt.

Sie arbeiten auf der ganzen Welt. Nehmen Sie denn Ihre Kinder überallhin mit?

Ja, eigentlich schon. Wenn ich alle Tage zusammenrechne, an denen ich ohne meine Kinder unterwegs bin, komme ich auf gerade mal zwei Wochen im Jahr. Und Leni ist nun fast drei Jahre alt.

Kinder quengeln, verschütten etwas, peinliche Situationen entstehen.

Alles Gewohnheitssache. Ich möchte, dass meine Kinder an Seals und meinem Lifestyle teilhaben. Damit sie bei dieser Reiserei nicht aus der Reihe tanzen, haben wir früh begonnen, sie überallhin mitzunehmen.

Was heißt für Sie: „Nicht aus der Reihe tanzen“?

Zwar haben Kinder das Recht, sich nicht wie Erwachsene zu benehmen. Mein Maßstab heißt deshalb Toleranz und nicht pädagogischer Eifer. Aber ich habe schon meine Vorstellungen, vor allem über Manieren: beim Essen, beim Umgang mit den Geschwistern, mit uns. Manchmal redet man wie gegen eine Wand. Welche Mutter kennt das nicht. Danke zu sagen, lernen Kinder nicht von allein.

Wer ist strenger, Sie oder Seal?

Wir nehmen uns beide nichts. Um uns nicht gegenseitig ins Wort zu fallen, sprechen wir uns vorher ab, wie wir die Dinge sehen. Es ist uns natürlich auch schon passiert, dass die Kleinen uns gegeneinander ausspielen wollten.

Sie konnten über Seals Begabungen als Vater nichts wissen, als Sie ihn kennenlernten.

Das stimmt. Man bekommt am Anfang keine Garantie dafür, ob der andere die gleiche Lebenseinstellung hat oder ähnlich über Kindererziehung denkt. Und schon gar nicht, was für einen selbst wichtig ist im Leben. Deshalb ist ja mein Mann ein absoluter Glücksfall. Er hat Manieren, er ist ein Gentleman, und er tut alles für seine Kinder.

Ein Herz und eine Seele?

Wir wollten beide eine Familie, aber auch unser eigenes Leben, unsere Hobbys, unsere Jobs weiterführen. Ich als Model, er als Musiker. Wir wollen beide trotz unserer Kinder wir selbst bleiben und weiter unseren Interessen nachgehen.

Die klassische Rollenaufteilung gibt’s nicht?

Sie meinen, dass Frauen an den Herd gehören, die Kinder versorgt und die Männer das Geld nach Hause bringen? Bei uns mischt sich das. Das ist nicht unser Ansatz. Wir wechseln uns mit der Kinderbetreuung ab. Mal geht Seal mit Leni in die Schule oder zum Tanzunterricht, mal wieder ich. Einer von uns ist eigentlich immer da.

Keine Nannys?

Wir haben zwei. Eine Deutsche, eine Spanierin.

Es geht doch nicht ohne Hilfe.

Doch, das ginge schon, wäre aber um einiges schwieriger. Es ist ganz sicher so, dass wir ohne die Nannys unser eigenes Leben nicht so weiterführen könnten wie bisher.

Sie haben es einfacher als andere?

Hm. Bei Leuten, die keine Nannys wollen oder sie sich nicht leisten können, ist es wahrscheinlich schwerer, nicht in Rollen zu leben. Ich habe Freundinnen in Deutschland, die nicht mehr so oft arbeiten können, weil sie keine Nanny haben, und die sind darüber schon mal genervt. Man hört dann schnell mal Gejammer. Ich empfinde es als ein Dürfen und nicht als ein Müssen, mit den Kindern in den Park zu gehen, Kürbisse zu holen, sie auszuhöhlen, Gesichter hineinzuschnitzen.

Vermutlich sind Sie häufiger im Flugzeug unterwegs als mit den Kindern im Park.

Nein, eigentlich nicht. Aber wenn wir alle unterwegs sind, sind die Kinder im selben Jetlag wie wir, sind heute in New York und morgen vielleicht in Mexiko. Vorsichtshalber liegen immer ein paar Klamotten bei Oma und Opa in Deutschland. Im Alter meiner Kinder kannte ich gerade mal mein Kinderzimmer. Leni und Henry sind trotz ihrer jungen Jahre viel gereist und sehen ihr Leben hoffentlich locker.

Und bei all dieser Reiserei bleiben die Kinder nicht auf der Strecke?

Niemals! Wir sind immer zusammen. Nichts ist uns wichtiger, als dass unsere Kinder sehen, wie ihre Eltern miteinander umgehen, sich berühren und „I love you“ zueinander sagen.

Wo liegen die Wurzeln Ihres stark ausgeprägten Familiensinns?

Bei meiner eigenen Familie. Mein Vater Günther und meine Mutter Erna vermittelten immer ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich erinnere mich nicht daran, mich jemals innerhalb meiner Familie einsam gefühlt zu haben. Damit beginnt alles. Mit der Liebe der Eltern zu den Kindern. Nur so kann man Liebe weitergeben. Wir sind auch heute noch viel zusammen, fahren gemeinsam in den Urlaub. Nicht umsonst managt mein Vater heute für mich wichtige Marketing- und Pressetermine. Er ist da ganz clever.

Verstehen Sie alle sich auch sprachlich?

Meine Eltern können langsam ganz gut Englisch. Seal versteht mittlerweile auch gut Deutsch. Nur sprechen kann er es nicht ganz so gut.

Erziehung ist auch: vermitteln von Werten.

Ich weiß genau, dass ich es selbst in der Hand habe, ob meine Kinder hochmütig oder neidisch, geizig oder maßlos werden. Ich beobachte solche Anfänge tagtäglich. Ob Leni versucht, ihrem Bruder Henry die Spielsachen wegzunehmen oder Henry eifersüchtig wird, wenn Leni auf Seals Schoß sitzt … Das Teilen beizubringen und dabei den Jähzorn, die Wut über eine angebliche Bevorzugung einzudämmen – das ist tägliche Arbeit. Seit kurzem sind meine Kinder zu dritt: Da steht erst recht niemand mehr an erster Stelle.

Gehören Sie zu den ängstlichen Müttern?

Wir passen schon sehr auf, dass den Kleinen nicht so schnell Schlimmes passiert. Natürlich spielen da Ängste um das Wohl der Kinder rein. Wir haben Sperren um den Pool herum, die Steckdosen haben Deckel bekommen, die Treppen nach oben sind fest umschlossen. Die Griffe an den Fenstern hängen extra hoch. Wir lassen auch keine Türen offen, ohne dass wir davon wissen. Da das Haus groß ist, haben wir an den Außentüren Sensoren, die sich über Lautsprecher mit dem Satz: „Türen vorne auf!“ melden. Und immer noch denke ich: Sind die Kinder sicher genug?

Sie sind eine Kontrollmutter.

Eigentlich nur vorsichtig. Wir hatten beispielsweise hier im Garten gelbe Trompetenblumen, so groß wie Bäume. Sehr imposant, sehr schön, leider auch sehr giftig. Ich habe sie alle ausbuddeln lassen und gegen Apfelbäume ausgetauscht.

Wollten Sie im Vorhinein immer wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?

Bei meinem Jüngsten, Johan, wollten wir uns mal überraschen lassen.

Haben Sie Ihre Kinder selbst gestillt?

Ja, klar.

Kein Problem damit, Ihre Brüste könnten sich verändern?

Nein, davor hatte ich überhaupt keine Angst. Es gibt so viele Frauen, die sich nach dem Stillen sehnen, aber keine Milch haben. Ich sehe das Stillen als ein Wunder an. Du bekommst dein Kind und nur einen Tag später schießt die Milch ein. Die Natur ist fantastisch.

Sie haben die Welt um sich herum gerne unter Kontrolle. Gilt das nur für Ihre Familie?

Ich plane gerne, sehe voraus. Ich glaube, bei so einer großen Familie gehört das einfach dazu. Es lässt sich mit einer guten Planung wirklich leichter leben.

Es gibt Dinge, die sich nicht beeinflussen können. Auch Sie werden älter.

Falls Sie jetzt auf Falten anspielen, sage ich Ihnen: Sie interessieren mich weit weniger, als Sie denken.

Keine Gurkenmasken, keine Gedanken an Lifting, keine kritischen Pirouetten nackt vor dem Spiegel?

Ich habe so viele Dinge auf meinem Tagesprogramm, dass mir für solcherart Eitelkeiten die Zeit fehlt. Ich glaube an gute Gesichtspflege, gute Ernährung und gute Laune.

Ihr Erfolg gründet darauf, dass man Ihnen ins Gesicht und auf den Körper schaut.

Das stimmt. Aber wer weiß schon, wie es in meinem Innern zugeht? Ich bin für viele eine Projektion, ein Abziehbild einer bestimmten Form von Schönheit. Ich sehe mich auf dem Cover eines Magazins in einem Zeitungsladen und denke: Wow, schönes Foto! Bin ich das? Haare und Make-up können viel aus Tagen machen, an denen es einem selbst gar nicht so gut geht.

Was macht die Schönheit eines Mannes aus?

Seine Ausstrahlung.

Finden Sie Ihren Mann schön?

Er ist ein attraktiver Mann, der auf mich stark magnetisch wirkt. Er ist groß, hat eine tolle Figur, ist sehr charmant, hat die feine englische Art, gute Manieren und redet wie ein Poet.

Wie ist es, bekannt zu sein?

Ich sehne mich nicht nach einem Bekanntheitsgrad. Diejenigen, die mich wirklich kennen, wissen genau, wie ich bin und was mir durch den Kopf geht. Ich habe beispielsweise Bammel vor großen Auftritten.

Und Heidi Klum privat? Den ganzen Tag im Bademantel, die Haare zerzaust, die Betten ungemacht?

Manchmal schon, ja. Unsere engsten Freunde wissen, dass uns die gebratenen Tauben nicht in den Mund fliegen. Sie gönnen uns das schöne Familienleben. Zu ihnen sind wir auch extrem offen, hängen auf der Couch ab, während die High Heels in der Ecke liegen. Sie sehen uns, wie wir auch sein können. Manchmal kommt Seal trotz Besuchs nicht mal aus seinem Pyjama heraus. Er hat einfach keine Lust, sich umzuziehen.

Schönheitsschlaf, früh zu Bett, das ist wichtig.

Nein. Wirklich unterschiedlich. Aber das Aufstehen wird von den Kindern bestimmt. Spätestens ab 7 Uhr morgens schläft kein Mensch mehr im Hause Klum und Samuel. Dann machen wir uns gebratene Eier oder Leberwurstbrot. Dazu gibt’s Tee oder ich hole einen Kaffee von Starbucks um die Ecke. Meistens bin ich für solche Spaziergänge morgens zu faul.

Und wie ist das mit der Lieblingsseite im Bett?

Auf der rechten Seite. Eigentlich wäre das egal, denn wenn einer auf dem Bauch liegt und einer auf dem Rücken, trifft man sich spätestens beim Umdrehen wieder. Zu Hause schlafe ich vor allem deshalb rechts, weil das näher am Badezimmer ist. Sonst müsste ich immer um das Bett herumlaufen.

Boris Becker berichtete von rassistischen Kommentaren seiner Ex-Gattin Barbara gegenüber. Ist Ihnen das mit Seal widerfahren?

Ja, das gab es. Vor allem von Paparazzi-Fotografen, die uns provozieren wollten. In deren Denkweise führt jede Reaktion außerhalb des Normalen zu Fotos, die man gewinnträchtig weiterverhökern kann. Seal ging mal jemandem an den Kragen, weil meine Mutter durch das Geschubse der Fotografen mit meinem kleinen Sohn an ein Auto gequetscht wurde. Das Foto ging um die Welt. Wie es dazu kam, natürlich nicht.

Mit der Fernsehsendung „Germanys next Top Model by Heidi Klum“ sind eine Menge Begehrlichkeiten bei jungen Mädchen geweckt worden. Warum hat dieses Berufsbild so eine Anziehungskraft?

Für viele Mädchen ist das ein Traum. Ich glaube, die meisten jungen Frauen ahnen nicht, was hinter der Arbeit steckt. Das stundenlange Warten aufs Make-up, die Klamottensessions, das Bodytraining, die Catwalk-Arbeit. Dazu das viele Reisen, das Alleinsein. Die Teilnehmerinnen der Sendung hatten es viel einfacher. Sie hatten Shoots mit bekannten Fotografen, tolle Locations. Normalerweise dauert so eine Entwicklung ja sehr viel länger. Wer sich eine solche Karriere in eigener Regie aufbaut, weiß, dass man sich überall selbst hinbequemen muss.

Müssen Mütter von Models heute Angst um ihre Töchter haben?

Gefahren gibt es in jedem Job.

Sie haben schon immer gerne Fotokurse besucht, haben selbst Kleider genäht und verkauft. Was blieb Ihnen von diesen Hobbys?

Sie haben sich natürlich verändert. Dennoch bin ich die Bastlerin geblieben. Heute verkaufe ich unter anderem selbst kreierten Schmuck. Ich kaufe mir noch heute säckeweise verschiedene Nieten, Pailletten und Lederstücke und sitze dann das Wochenende zu Hause an meinem Tisch mit einer Tube Klebstoff und fange an, Probestücke zu fertigen, beispielsweise für Birkenstock.

Und Sie? Sind Sie glücklich?

Es klingt hoffentlich nicht komisch, was ich jetzt sage: Oft ist es so, dass wir morgens aufwachen und uns sagen: Wow, wir haben ein super Leben. Wir haben ein tolles Haus, ein schönes Cabrio, immer zu essen auf dem Tisch, sind gesund, dürfen Kinder haben und können reisen, wohin wir wollen. Glück mache ich eindeutig an meinem schönen Leben fest.

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