Welt : Wunder ohne Ende

Ein Kettenbrief und seine Folgen belasten die Urheber und die Post noch Jahre nach dem Start

Jörg Achhammer

Ein neunjähriger englischer Junge. Eine fast unheilbare Krebserkrankung. Millionen Postkarten mit Genesungswünschen, ein Eintrag im „Guinness-Buch der Rekorde“ und ein Millionär, der die rettende Krebsoperation finanziert. Happy End.

Ein modernes Märchen, das wahr ist. Doch hat es sich inzwischen zum Alptraum gewandelt. Einer englischen Postfiliale droht regelmäßig der Briefkollaps. In der Britischen Botschaft lassen besorgte Berliner die Telephondrähte heißlaufen. Doch der Reihe nach: 1989 war Craig Shergold neun Jahre alt und sehr krank. Ein Gehirntumor fesselte ihn ans Bett im Londoner Royal Marsden Krankenhaus. Postkarten mit Genesungswünschen von Familie und Freunden lenkten den kleinen Patienten ein bisschen ab vom düsteren Alltag auf der Krebsstation.

Dann hatte jemand die Idee, Menschen aus aller Welt um solche Grüße zu bitten – ob Craig selbst oder sein behandelnder Arzt darauf kamen, darum ranken sich inzwischen Legenden. Jedenfalls entstand ein Kettenbrief: Privatinitiativen versandten Hunderte Postkarten, die Presse wurde aufmerksam – und die Aktion ein Selbstläufer. Bald kamen wöchentlich 200000 Postkarten in dem Londoner Krankenhaus an. Einfache Leute und Staatschefs, aus Großbritannien und aus der ganzen Welt, waren bewegt vom Schicksal des kleinen krebskranken Patienten, notierten ein paar Zeilen der Hoffnung und schickten diese an Craigs Krankenzimmeradresse. Sie bescherten ihm so einen Eintrag im „Guinness-Buch der Rekorde“: 16 Millionen Postkarten in einem Jahr!

Weltrekord und kein Happy End

Dadurch erfuhr US-Milliardär John Kluge, laut „Forbes“-Magazin einer der 15 reichsten Amerikaner, vom Schicksal des krebskranken Craig und finanzierte ihm die lebensrettende Operation in einer amerikanischen Spezialklinik. Craig Shergold ist mittlerweile 22 Jahre alt, erfreut sich guter Gesundheit und studiert an einer englischen Universität. Letztes Jahr wurde seine Geschichte in Amerika verfilmt: „Das Kartenwunder“ heißt der Film.

Für Craig und andere Beteiligte aber entwickelte sich das Wunder zu einem erheblichen Stressfaktor. Denn die rührende Schicksals-Story kursiert elf Jahre nach der Heilung des Jungen immer weiter – und findet kein Ende. Bis heute wird in Kettenbriefen, Faxen und e-mails um Post für Craig gebeten.

Auch in der Britischen Botschaft in Berlin gehen seit Jahren Anrufe und Post für den inzwischen erwachsenen und gesunden Studenten ein. Immer wieder tauchen neue Kettenmails auf, manchmal leicht verändert – zum Beispiel für „Draig Enold“. Dann steht das Telefon nicht mehr still. Mittlerweile weist die Botschaft auch auf ihrer Homepage darauf hin, dass die Aktion längst beendet ist.

Craig Shergold und seine Eltern konnten die Postkartenflut nach seiner Genesung 1991 bisher nicht stoppen. Dabei sind sie nicht undankbar – und auch den vielen hilfsbereiten Kartenabsendern sind keine Vorwürfe zu machen.

Doch mittlerweile ist die Postlawine auf schätzungsweise mehr als 400 Millionen Genesungswünsche angewachsen. Logistisch sind die täglich 10 000 Karten mit den längst überholten und damit leider sinnlos gewordenen Besserungswünschen kaum zu bewältigen. Schon als er den Guinness-Rekord gebrochen hatte, mussten für die Postmassen ganze Lagerhallen angemietet werden.

Kartenflut fürs Altpapier

Das Studium von Craig Shergold wird dadurch zwar nicht belastet, denn persönlich erreichen ihn die Karten schon seit 1991 nicht mehr. Die nicht enden wollende Geschichte beschäftigt heute aber zum Beispiel noch die zuständige Postfiliale für das Royal Marsden Krankenhaus. Fast täglich muss das Karten-Altpapier von dort zu einer Recycling-Anlage transportiert werden. Hilfsorganisationen wie die amerikanische „Make- A-Wish-Foundation“ werden in den Kettenbriefen als Urheber genannt und müssen sich dauernd neuen besorgten Hilfswilligen widmen – damit werden die ohnehin knappen Personal- und Kapitalressourcen der Wohltätigkeitsorganisation beschnitten.

Das „Guinness-Buch“ hat die Grußkarten- Kategorie inzwischen gestrichen und appeliert immer wieder, Nachahmungsversuche zu unterlassen. Doch auch zahllose Medienberichte weltweit haben potenzielle Genesungswünscher nicht über das wahre Schicksal von Craig Shergold aufklären können, dessen Name mittlerweile zum Synonym für solche nicht enden wollenden Tränendrüsenbriefe geworden ist, die viele Menschen von Freunden und Bekannten geschickt bekommen. Die Geschichten darin stimmen manchmal nicht mehr – und oft auch gar nicht. Dann lösen sie sinnlose Kartenfluten aus.

Detailierte Informationen zu falschen Kettenbriefen und Virenwarnungen:

www.tu-berlin.de/www/software/hoax.shtml

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