Welt : Wunderliche Spuren

Vom Couchtisch bis zum Türklopfer – in Hamburg wurde der Hausrat von Inge Meysel versteigert

Tanja Stelzer[Hamburg]

Der Mann ist sichtlich bemüht, der Sache einen Rest von Würde zu geben. Lars Koch, Geschäftsführer des Hamburger Auktionshauses Schopmann, trägt einen Nadelstreifenanzug mit Samtkragen, und er formuliert vorsichtig: Als er das Haus der toten Inge Meysel betrat, sah er „nichts, was auf einen abgehobenen Lebensstil hindeutete, auch die wertvolleren Gegenstände hat sie benutzt."

Inge Meysels Vergangenheit wird versteigert, vom lila Kostüm, das sie bei „Wetten dass …?“ trug, über die Ernst-Reuter- Plakette bis zur Ehrenmitglieds-Urkunde der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben. Das Auktionshaus hat die Veranstaltung aus seinen Geschäftsräumen ins Haus der Patriotischen Gesellschaft verlegt, wegen des Andrangs. Patriotische Gesellschaft passt gut. Es geht um ein deutsches Erbe.

In der ersten Reihe sitzt Inge Meysels Adoptivtochter Christiane Pollard-Meysel, die Erbin, die den Nachlass versteigern lässt, außerdem der langjährige Betreuer der Schauspielerin, Peter Knuth. Das Publikum: Die Damen tragen vorzugsweise rosafarbene Twinsets oder Steppjacken, bei den Herren dominieren Schnauzer und gezwiebelte Schnurrbärte, Strickjacken und großkarierte Hemden. Manche Bieter haben sich Thermoskannen mitgebracht. Durch den Raum schwebt sphärische Musik, Dias werden gezeigt: Die Meysel mit Hut, die Arme nach oben gereckt, lachend. Die Auktionsleiterin warnt: „Wir können die Dinge nicht schöner machen, als sie sind. Sie kaufen alle Gegenstände wie gesehen, wie beschrieben.“ Oft steht im Katalog „Gebrauchsspuren“. Wenn die Auktionsleiterin ein Objekt anpreisen will, sagt sie: „140 Euro für diesen interessanten Silberfisch“ oder „Wenn Sie einen Kombi haben, ist das schnell gemacht. Ein Couchtisch für 50 Euro.“ Sehr überzeugt wirkt sie nicht.

Normalerweise versteigert die Firma Schopmann, laut Werbung das älteste deutsche Auktionshaus, Kunst. Im Publikum sitzen dann Sammler und Kunsthändler, manche kommen extra aus Japan. In der Sparte „Fanartikel“ scheint die Auktionsleiterin etwas ungeübt. Die vier Damen, die übers Telefon Gebote entgegennehmen, müssen manchmal die Stimme heben und das Verfahren erklären: „Wir stehen bei 110 Euro. Wenn Sie weiterbieten wollen, müssen Sie jetzt sagen: 120.“

Die „Neue Revue“ bietet auch mit; die Redaktion hatte die Idee, sie könnte ein paar der Meysel-Devotionalien weiterversteigern. Zwei Redakteure mit den Bieternummern 513 und 530 hantieren fleißig mit Katalogen und Listen. Sie bekommen den Zuschlag für diverse Messinghaushaltsgegenstände (140 Euro) und einen Silberkorb mit Rokokoszene, „Deutschland, 20. Jahrhundert, ungestempelt“ (150 Euro). Bei der Lupe mit kleinen Defekten steigen sie bei 330 aus.

Lässt man die Gegenstände für sich sprechen, scheint Inge Meysel eine etwas wunderliche alte Dame gewesen zu sein. Ein Foto, auf dem sie für eine Grippeschutzimpfung wirbt, auf Pappe aufgezogen und mit abgestoßenen Ecken, stand auf ihrem Kaminsims. Im Gästetrakt posierte eine Schaufensterpuppe, der sie einen weißen Anzug übergestreift hatte und die sie nach ihrem verstorbenen Mann „John Olden“ nannte. Für „John Olden“ zahlt jemand 270 Euro. Auf ihrem Bett saßen Plüschtiere (220 Euro), auf der Fensterbank Porzellankätzchen (drei Stück zu 70 Euro). Die Preise verstehen sich zuzüglich 22 Prozent Kommissionsgebühr.

Sind die Fans, die 110 Euro für einen Messingaschenbecher in Form eines Fisches ausgeben und 440 Euro für einen Türklopfer, mit dem man an den Eingang der Villa in Bullenhausen pochte, am Ende viel wunderlicher als die alte Dame? Man könnte an diesem Nachmittag den Eindruck gewinnen, es werde ein Mythos zu Grabe getragen. Fast hat man das Gefühl, etwas Unanständiges zu tun, indem man Inge Meysel so nahe tritt. Ist die große Schauspielerin nun entmystifiziert?

Keineswegs. Einen Krug mit der altdeutschen Aufschrift „Gesundheit und frohen Sinn soll dir stets im Leben blühen“ will zunächst keiner haben. Der Auktionsleiterin fällt als Verkaufsargument ein: „Gesundheit ist doch immer gut.“ Inge Meysel wäre schlagfertiger gewesen.

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