Welt : "Wunderzeit": Rebell sein ist gut

Anja Hirsch

Amerika stellt er sich so vor: "Wenn man wächst, werden die Haare länger, und man ist Rebell. Rebell sein ist gut. Man macht ein Gesicht wie Jesus, danach kreischen die Mädchen." Das ist Kinderlogik, das Denken eines heranwachsenden Jungen. Catalin Dorian Florescu, 1967 im rumänischen Temesvar geboren, erinnert sich mit Hilfe von Alin, einem Alter Ego, an seine Jugend. "Wunderzeit" heißt sein erster Roman, und mit einem Wunder endet das Buch: Alin sitzt mit seinen Eltern 1982 an der rumänischen Grenze fest und darf schließlich doch ausreisen. Die Familie wird sich endgültig ins Ausland absetzen.

Florescu wohnt heute in Zürich und arbeitet als Psychologe. Sein Debüt ist auch das liebevolle Porträt einer Vater-Sohn-Beziehung. Mit dem Vater, ohne die Mutter, reist der an einer Muskelschwäche erkrankte Alin für einige Zeit ins Ausland, nach Italien und Amerika, wo das Bein operiert wird. Weil Amerika aber doch nicht das Land der Rebellen ist und die beiden einschlägige Erfahrungen in der Bronx sammeln, kehren sie nach Rumänien zurück. Dort werden sie misstrauisch empfangen. Man unterstellt dem Vater, ein Spion zu sein, will ihm kaum glauben, dass er freiwillig die Chance auf Freiheit vergibt. Vor allem die Mutter, die sich schon nach Amerika nachreisen sah, ist gebrochen. Fünf Jahre unter dem "Obergenossen" vergehen bis zur endgültigen Emigration. Erzählerisch versucht Catalin Dorian Florescu einen Spagat: seine kindliche Perspektive von damals beharrlich unterzubringen und dennoch über alles Erlebte zu verfügen, auch wenn es der kleine Alin nicht verstand. Das funktioniert am besten, wenn er unkommentiert erzählt. Dann rührt seine Geschichte. Zum Beispiel, wenn der Vater bei Alin schweigend die Schnürsenkel lockert, um den schmerzenden Fuß zu entlasten. Problematisch wird es, wenn er seinen Text mit immer neuen Hinweisen auf sein Kindsein überfrachtet.

Es steckt eine Menge Stoff in "Wunderzeit". Nicht nur Zeitgeist, die Enge in einem kommunistischen Land. Origineller und wohl auch persönlicher sind Szenen, in denen Catalin Dorian Florescu gerade heraus die irrwitzigen Empfindungen eines Jungen schildert, der sich an den Fernsehhelden orientiert und Erotik erst einmal sekundär erfährt, bevor er sich selbst traut. Dann schreibt er sich frei.

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