Welt : Wut über Vogelgrippe in Thüringen Gans diente der Therapie von Behinderten

Saalfeld - Grelles Scheinwerferlicht durchbricht in der Nacht die Idylle des Thüringer Waldes. Männer in Schutzanzügen klingeln die Anwohner in neun Gemeinden aus dem Schlaf. Sie durchkämmen Stall für Stall. „Sie packten ein ums andere Huhn und gaben ihnen die Giftspritze“, sagt Rentnerin Leni Günsche aus Volkmannsdorf. Der Ort liegt im Vogelgrippe-Sperrgebiet, das drei Kilometer rund um das thüringische Wickersdorf gilt. Hier war eine Hausgans am H5N1-Virus verendet, das erste deutsche Nutztier in diesem Jahr. Es handelte sich um eine therapeutische Gans in einer Behinderteneinrichtung. Fast 1200 Stück Federvieh von mehr als 80 Kleintierhaltern sind am Samstag getötet worden. Schnelltests an Proben der getöteten Tiere ergaben keine Anzeichen für eine weitere Infektion mit dem gefährlichen Vogelgrippe-Virus.

Viele Betroffene begreifen erst am Morgen, was ihnen Stunden zuvor widerfahren ist. Für das radikale Vorgehen der Behörden haben sie wenig Verständnis. Wut macht sich breit auf den Hof der „Lebensgemeinschaft Wickersdorf“, von dem die infizierte Gans stammte. „Da haben sie uns was eingebrockt“, schimpft ein Züchter aus dem Nachbarort Volkmannsdorf. Kurz zuvor sind auch seine Hühner geholt worden. In der Lebensgemeinschaft wohnen alte und junge behinderte Menschen zusammen, die dort sozialpädagogisch und therapeutisch betreut werden. Die erst vier Wochen zuvor angeschafften Gänse gehörten zur Therapie. Die Behinderten hatten mit der Gans gespielt und engen Kontakt mit ihr. Nach ersten Untersuchungen haben sie sich nicht angesteckt.

„Für die Menschen dieses vorbildlichen Projekts ist der Verlust ein Schlag. Ich möchte klarstellen, das niemand etwas für die Infektion kann, da sie höchstwahrscheinlich von ausländischen Zugvögeln eingeschleppt wurde“, sagt der Sprecher des Gesundheitsministeriums. Am vergangenen Montag war die infizierte Gans auf dem Hof tot gefunden worden. Geschäftsführerin Constanze Röhlig hatte den Vogel den Behörden gemeldet. „Die Gegend ist keine typische Geflügelzuchtregion. Das meiste Federvieh wurde zum eigenen Bedarf als Weihnachtsgans und für das Frühstücksei gehalten“, erklärt Ministeriumssprecher Schulz. Allerdings sei es eine Hochburg in der Zucht von Rassegeflügel, ergänzt Landrätin Marion Philipp. „Unsere Silberbrakel sind deutschlandweit preisgekrönte Rassehühner“, sagt der Vorsitzende des Rassegeflügelzuchtvereins Volkmannsdorf, Heinz Rosenbusch. 46 Jahre lang züchtete er Hühner. Er musste zusehen, wie am Samstag seine 42 Jungtiere und zwölf Zuchthühner tot in blauen Säcken und blauen Tonnen endeten. dpa

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