Xynthia : Mit orkanartiger Geschwindigkeit

"Xynthia" hat gezeigt: Europa braucht ein internationales Alarmsystem – weil sich Sturmtiefs immer schneller entwickeln.

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Nach dem Chaos am Sonntag lief der Bahnverkehr im Laufe des Montag wieder störungsfrei. Fotos: ddp/Reutersddp

Nach Orkantief „Xynthia“ haben in weiten Teilen Deutschlands die Aufräumarbeiten begonnen. Zahlreiche Bundes- und Landstraßen waren am Montagmorgen wegen umgestürzter Bäume und umherliegender Äste gesperrt. Bei dem Sturm kamen bundesweit mindestens sieben Menschen ums Leben, zahlreiche Personen wurden verletzt. Betroffen war vor allem der Westen Deutschlands, Berlin und Brandenburg blieben weitgehend verschont.

Albrecht Broemme, Präsident des Technischen Hilfswerks, hat nach dem Orkantief ein nationales und ein europäisches Unwetterwarnsystem gefordert. Die bisher bestehenden Systeme reichten offenbar nicht aus, sagte Broemme. Das Problem sei vor allem, dass viele Menschen die Warnmeldungen, wie es sie bisher gibt, ignorierten. Zwar würden die Wettervorhersagen immer präziser, „aber was hat man davon, wenn nur die Wetterfee im Fernsehen davon berichtet“, sagte Broemme. Die Frage sei, wie die Menschen Warnungen mental und psychologisch aufnehmen würden. Allein die Nachrichten würden nicht reichen. „Es müsste ein nationales, aber auch europäisches System sein, das auch regional ausgelöst werden kann“, sagte Broemme. Da in vielen Bundesländern, die für den Katastrophenschutz zuständig sind, Warnsirenen abgeschafft würden, könne oft nicht die nötige Aufmerksamkeit generiert werden. Deshalb müsse man überlegen, welche technischen Möglichkeiten es gibt. „Man kann von den Tsunami-Warnsystemen lernen“, sagte Broemme. Denn es müsse immer eine Mischung der Systeme sein. So sei eine Kombination aus Sirenen und Kurznachrichten, die auf Handys verschickt würden, sinnvoll, wie der THW-Präsident sagt. „Denn nicht jedes System ist für jeden Menschen gleich sinnvoll, und nur über einen Mix erreicht man möglichst viele“, sagt Broemme. Auf europäischer Ebene gebe es bereits Überlegungen ähnlich wie im Notruf, der europaweit auch einheitlich ist, ein gemeinsames Unwetterwarnsystem zu entwickeln. „Und dieser Sturm könnte den Prozess beschleunigen“, sagt Broemme. Aber auch in Deutschland müsse man überlegen, wie man das System verbessern kann. Allerdings weiß Broemme auch: Die Interessen von 16 Bundesländern zusammenzubringen, wird schwierig. Das Wichtigste bei allem sei aber immer die Frage: Wie geht die Bevölkerung mit Warnungen um? „Im Moment werden viele Warnungen aber leider ignoriert“, sagte Broemme.

Ein Grund für die zahlreichen Todesopfer vor allem in Frankreich – dort starben mehr als 50 Menschen – ist die Tatsache, dass der Sturm sich sehr viel schneller zu einem Orkan entwickelte als üblich. Das Sturmfeld kam diesmal nicht aus Nordwesten über den Nordatlantik. Vielmehr zog es aus Südwesten über Portugal und Frankreich herauf und habe schlagartig Windgeschwindigkeiten in Orkanstärke erreicht, erklärte Andreas Friedrich, Tornadoexperte beim Deutschen Wetterdienst. Meist dauere es erheblich länger, bis sich ein Sturm zu seiner vollen Stärke entwickle.

Die Schäden von „Xynthia“ könnten sich nach einer ersten Schätzung der Deutsche Rückversicherung Aktiengesellschaft in Deutschland auf eine halbe bis eine Milliarde Euro summieren. „Damit ist Xynthia vergleichbar mit dem Orkan Emma, der vor zwei Jahren etwa um die gleiche Zeit für schwere Schäden sorgte“, erklärte die Versicherung am Montag in Düsseldorf. Von einem Schaden, wie ihn „Kyrill“ 2007 verursachte, sei „Xynthia“ aber weit entfernt. „Kyrill“ habe die deutsche Versicherungswirtschaft weit über 2,3 Milliarden Euro gekostet. Für genaue Aussagen sei es aber noch zu früh, sagte Michael Able von der Münchner Rückversicherung. Es komme nicht nur auf die Windgeschwindigkeiten an, sondern auch auf die Dauer und die Verbreitung des Sturms. „Kyrill“war, was die Windgeschwindigkeiten betrifft, nicht so stark wie „Lothar“, aber er dauerte länger und verursachte dadurch einen vergleichbaren Schaden.

Wenn das eigene Haus oder Auto betroffen ist, besteht meist Versicherungsschutz. Flug- oder Bahnreisende sind weniger geschützt, da es sich bei einem Sturm um höhere Gewalt handelt. Für Schäden am Haus, etwa durch umgestürzte Bäume, kommt die Wohngebäudeversicherung auf. Schäden am Hausrat, also etwa beschädigte Möbel, übernimmt die Hausratversicherung. Sturmschäden sind grundsätzlich ab Windstärke acht abgesichert. Bei Schäden am Auto greifen in der Regel Teil- oder Vollkasko des Autohalters.

Flugreisende haben bei Ausfall eines Fluges Anspruch auf einen Ersatzflug. Anspruch auf Entschädigung gibt es aber nicht, da es sich um höhere Gewalt handelt. Bahnreisende können laut Deutscher Bahn nicht auf Fahrgastrechte bauen, die Erstattungen für Verspätungen vorsehen. Grund dafür ist ebenfalls, dass es sich um höhere Gewalt handelt.

Die Bahn konnte die Schäden an den Oberleitungen und die Blockierungen auf den Gleisen relativ schnell beheben. Im Laufe des Montagnachmittags lief der Fernverkehr wieder weitgehend störungsfrei, nur in Ausnahmefällen kam es noch zu Verspätungen. Nur der Regionalverkehr war in einigen Teilen Deutschlands noch eingeschränkt. mit dpa

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